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Angst oder Furcht?

Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes. [1]

Die Trojaner waren fasziniert von dem hölzernen Pferd, das die Griechen am Strand aufgestellt hatten. Das schmeichlerische Geschenk benebelte ihren Verstand, sodass sie das in ihm sich verbergende Verhängnis missachteten. Sie brachten den Feind eigenhändig hinter ihre Stadtmauern. Im Bauch der vermeintlichen Trophäe harrten die griechischen Krieger, um im Schutze der Nacht eine ungewappnete Stadt zu überfallen.

Der Kern ist: Man hüte sich vor den Gaben des Feindes. Man fürchte den schmeichelnden Widersacher.

Von Furcht ist hier die Rede. Der Weise fürchtet die Griechen, er kennt ihre List und Tücke. Er mahnt zur Vorsicht. Seine Erfahrung leitet ihn zur Furcht.

Dagegen lassen sich die Trojaner durch Besitzstreben verleiten. Nicht Furcht hält sie in gebührendem Abstand, sondern Neugier und Habsucht – eine Art Abwesenheit von Furcht – verführen sie. Die Furcht vor dem Tod verdrängen sie, bis die Todesangst sie übermannt. Der Seher verkündet Furcht. Die Trojaner ignorieren die Furcht.

Angst und Furcht – beide sind hier am Werk.

Auf den ersten Blick ersten Blick scheinen Furcht und Angst das Gleiche zu beschreiben: ein Gefühl von Bedrohung.

Die alltagssprachliche Identität von Angst und Furcht wird fachsprachlich differenziert betrachtet. Danach ist Angst ein Grundgefühl, das sich auf etwas Abstraktes richtet, während Furcht einen konkreten Gegenstand hat. Danach wird Angst ist als eine diffuse Empfindung von Bedrohung an der Schwelle zu einer nicht beherrschbaren Phobie verstanden. Dagegen wird Furcht gekennzeichnet als Auseinandersetzung mit einer definierten Gefahr, der es gilt auszuweichen oder sich zu stellen.

Ein anderer Aspekt ist der Gegenstand dieser Betrachtung.

Geht man auf die lateinischen Begriffe angor für Angst und timor für Furcht zurück, dann muss man die zu Furcht gehörigen Verben berücksichtigen. Während das reflexiv gebrauchte sich fürchten die Bedrohung schon in der unvermeidlichen Präposition vor enthält, konnotiert das transitive fürchten überwiegend Achtung und Ehrerbietung.

Angst ist ein Impuls, dem eine Kreatur existenziell unterworfen ist. Im günstigen Fall ist das Individuum dazu in der Lage, seine Ängste zu reflektieren und das Verhältnis von Erfolg und Misserfolg zu betrachten. Angst hat die Funktion, Gefahren beherrschbar zu machen. Ein reflektierter Umgang damit nimmt die Angst als Gefahrensignal ernst, ohne zuzulassen, dass sie in eine unkontrollierbare Angststörung mündet. Angst ist also in erster Linie ein Reflex, um am Leben zu bleiben. Ein Leben in totaler Angstfreiheit bedeutete alsbaldiges Scheitern.

Furcht ist eine Empfindung, die kulturelle Merkmale hat. Furcht empfindet der Mensch vor dem, was er gelernt hat zu fürchten. Furcht hat also keine instinkthaften, sondern aus Normen hergeleitete, erlernte Züge. Furcht erwächst vielleicht aus der Besinnung darauf, ein Staubkorn zu sein in einem unfassbaren Kosmos. Darin ist die Existenz Mächten unterworfen, die zu durchschauen dem menschlichen Verstand letzendlich verwehrt ist.

Ehrfurcht, Inbegriff der Furcht, bringt diesen Aspekt zum Ausdruck. Ehrfucht ist Reverenz, Ehrerweisung, Demut. Der ehrfürchtige Mensch – denn Ehrfürchtigkeit ist eine zutiefst menschliche Kategorie – empfindet Respekt vor den Gegebenheiten, Fähigkeiten und Eigenschaften eines nicht bis ins letzte Geheimnis erfasslichen Systems. Diese Überlegenheit mag intellektueller oder moralischer Natur sein, wenn sie ein Individuum betrifft. Sie ist von Bewunderung und Kontemplation getragen, wenn es sich um die nicht menschengemachte Ordnung der Natur handelt. Ist sie Ausdruck von Unterwerfung unter diese letzten Gültigkeiten, heißt sie Gottesfurcht.

Aus dem Aspekt der Leichtigkeit, der Hinfälligkeit und Begrenztheit, der irdischen Existenz erwächst die religiöse Idee einer unvergänglichen Macht. Der Glaube an diese übergeordnete, ordnende Gewalt ist der an Gott. Daraus erklärt sich der Begriff der Furcht, der in Ehrfurcht und Gottesfurcht einfließt.

[1] “Was immer es ist, ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen.” Dieser Satz stammt aus der griechischen Mythologie. Vergil legt ihn dem Priester Laokoon in der Aeneis in den Mund.

Gunhild Simon
Okt 11 2012

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