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... aus einer Wurzel zart

Im alttestamentarischen Buch des Propheten Jesaja steht die Weissagung von einem neuen Trieb, der aus einer alten Wurzel sprießen und Früchte tragen werde.

“Und ein Reis wird hervorgehen aus dem Stumpfe Isais, und ein Schößling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen.” (Jesaja 11,1a)

Dieser Stamm wird die Wurzel Jesse genannt. Jesse ist hebräisch Jischaij, mit anderem Namen erscheint er als Isai, der Vater Davids. Das Geschlecht Isais stammte aus Bethlehem. Aus diesem Grund machte sich Joseph von Nazareth auf nach Bethlehem, darum daß er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe. (Lukas, 2, 4)

Die Wurzel ist also das Geschlecht, der Stamm Davids. Das Reis, der fruchtbringende Spross ist Jesus von Nazareth. Auf diese Prophezeiung bezieht sich das poetisch anmutende, als Rätsel formulierte, alte Weihnachtslied “Es ist ein’ Ros’ entsprungen aus einer Wurzel zart”. [1] Der Bibeltext beschreibt allerdings einen zarten Trieb, der aus einer alten Wurzel austreibt. Jesaja legt den Akzent auf das altehrwürdige Haus Isais, Stamm und Wurzel, aus dem Jesus, das zarte Reis, hervorgeht. Das Bild, das der Liedtext dagegen vermittelt, ist das einer zarten Wurzel. Ein kaum merklicher Widerspruch!

Das Bild der im Dunkel der Erde haftenden “kotigen Wurzel” wird literarisch mit einem gewissen Abscheu betrachtet und steht im Widerspruch zum im Lichte glänzenden Wipfel des belaubten Baumes. Erde ist das Inbild des Schmutzes, des Schlammes, des Kots, schließlich - verbildlicht - Ort der Unterwelt, Ort der Hölle. Dagegen befindet sich der Baumwipfel in der lichten Höhe des Himmels, dem metaphorischen Ort, den die Menschen den Unsterblichen, den Überirdischen, anders gesprochen: dem Allerhöchsten, dem Ewigen, dem Erhabenen, dem Allmächtigen, dem einen Gott zuschreiben. Von dieser Grundidee aus ergibt sich die immer wieder beschworene Metapher vom Gegensatz zwischen Wurzel und Krone des Baumes - als Bild von Hölle und Himmel. [2]

Thomas Mann gebraucht für Erde das Wort Kot. Kot wird verallgemeinert zu einem Begriff von Schlamm und Schmutz. Ägypten, aus der Sicht Jakobs ein gottloses Land, war das Schwarze Land, Keme, das Land des Schlamms, das des Kots. Das Wort Kot bezieht sich zunächst ganz vordergründig auf den Schlamm des Nils, der an Ufern und Mündung weite fruchtbare, zeitweise segensreich überschwemmte, zeitweise verhehrende verschlammte Landflächen schuf.

Die Bezeichnung von Erde als Kot ist weiter verbreitet, wie man an dem Gebrauch des Wortes noch erkennt. Kot wurde ein Synonym für Schmutz, Straßenschmutz, erkennbar an Kotflügel, kotbespritzte Stiefel oder Mantelsäume.

In der Wahrnehmung früherer Generationen war die Übereinstimmung von Kot im Sinne von Ausscheidungen, Mist, Verwesung und Fäulnis und Erde als Produkt dieses Stoffekreislaufs, unabdinglicher Grundstoff alles neuen Wachstums - anders gegenwärtig als heute, die wir die fruchtbare schwarze Blumenerde in Polyetylenbeuteln im Supermarkt kaufen und die Grabesstätten mit Kunstrasenteppich auskleiden. Nur die aus einer eigens bereitgestellten Schale symbolische Schaufel voll Sand , die jeder Begräbnisgast in die Grube wirft, zeugt von dem dahinter stehenden Gedanken, im Tode wieder der Natur zurückgegeben zu werden.

Humus ist der fruchtbare Teil des Erdreichs, weil er das Produkt ehedem lebendigen Materials ist. Denn nur solchermaßen organischem Material kann neues Leben entwachsen.

Humus ist ein vielfach mit dem Begriff des Lebendigen verschränkter Begriff. Unmittelbar neben humus, lateinisch Erde, Boden, metaphorisch auch das Niedrige, Gemeine, steht homo, Mensch, und dazu humanus, menschlich, der Mensch, der Sterbliche. Die Formel “Erde zu Erde”, dazu humare, beerdigen, humatio, die Beerdigung, gibt diese notwendige Verbindung wieder. Weiter führt uns das Wort zu humilis, niedrig, schwach und demütig.

Daraus wird die Sicht auf den Menschen als erdgemachtes und wieder zu Erde werdendes Wesen deutlich, die in vielfältigen Bildern ausgedrückt wird. In der Schöpfungsgeschichte ist es Adam, der aus einem Lehmklumpen von der Hand Gottes geformt wurde. In Thomas Manns Josephsroman ist Laban, der götzengläubige Schwiegervater Jakobs, der unselige Erdenkloß. Seine unterweltlich im Kellergemach hausenden Götzen, sind segenslos: unscheinbare, zerbrechliche Tonfiguren. Letztlich vollendet sich ihr Fluch gerade an Jakobs geliebter Rahel, der “Rechten”. Sie ist durch den Raub dieser Figuren todgeweiht.

[1] Liedtext 1. Es ist ein Ros entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.

2. Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaia sagt, hat uns gebracht alleine
Marie die reine Magd.
Aus Gottes ewgem Rat
hat sie ein Kind geboren
wohl zu der halben Nacht.

[2] “Siehe, da ist ein Baum, … Seine Wipfel regen sich funkelnd im Winde, da seine Wurzeln im Stein und Staube haften des Erdreichs, tief im Dunkeln. Weiß wohl auch der heitere Wipfel viel von der kotigen Wurzel? … Also ist’s meines Bedünkens mit Brauch und Unflat, und daß die fromme Sitte uns schmecke, bleibe das Unterste nur hübsch zuunterst.” (Joseph und seine Brüder - Der junge Joseph, FfM, 2004, S. 89.)

Gunhild Simon
1.01.2009

Von: Tassilo am 8.01.2009 um 14:03 Uhr
Meiner Meinung nach genügt es nicht, sich etymologisch oder philologisch mit Bibel/NT-Sprüchen zu befassen. Man sollte sich auch immer deutlich von der dort überall anzutreffenden Mythologie und Magie (Wortmagie, Handlungsmagie) distanzieren, um nicht in den Verdacht einer unkritischen Gläubigkeit und ev. missionarischer Tätigkeit zu kommen. Wie ich in meiner sig gerne kundtue: Es gibt nichts absurdes das Gläubige nicht glauben oder Beamte tun (nach Arno Schmid). LG Tassilo

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