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Café SittsaM in Hamburg - ein zwielichtiges Kellergewölbe?

Dort wo die Wexstraße auf den Großneumarkt mündet, führt eine steile Treppe zu einem Bierkeller in bester hamburgischer Kneipentradition. In diesem Gewölbe mit den gescheuerten Dielen, braungelackten Decken und holzgetäfelten Wänden im Schein ehemals blakender, jetzt aber zeitgemäß elektrisch betriebener Petroleumlampen befindet sich das Café SittsaM.

Dem aufmerksamen Leser entgeht er nicht, der dezente wortspielerische Hinweis: Hier trifft sich die SM-Szene, jedenfalls ihre Sympathisanten. Es riecht vertraut gutbürgerlich nach Bratkartoffeln. Das Klima ist freundlich, die Bedienung aufmerksam, tatsächlich vergewissert sich die füllige Wirtin mit dem Herrenschnitt selbst, ob der Wein mundet.

Man ist tätowiert auf blasser Haut, tiefschwarz oder exotisch bekleidet und frisiert. Nur die dazugehörigen Gesichter sind solche von nebenan. Der ältere Herr am Hamburger Kachelofen trägt ein geschnürtes Spitzenkorsett, er stakst in hohen Stiefeln mit seidenbestrumpften, strumpfhalterblitzenden Beinen. Manche Paare, vertraulich begrüßt, verschwinden im Dunkeln, einzelne Gäste folgen diskret.

Eine weitere Treppe führt in ein tieferliegendes Kellergelass. Zwischen riesigen, alten Weinfässern ist es dekoriert mit den Ingredienzen der Szene: viel Metall - Gitter, Ketten, Haken und Ösen - roter Samt, schwarzes Kunstleder und das trübe, flackernde Licht übermäßig tropfender Kerzen. An einer Bar führt Manuela* das Regiment: vollschlank, resolut, tief ausgeschnitten in Leder.

Auf einem Barhocker thront Tanja, mit ledernen Hals- und Armbändern, nackt, frisch rasiert, mit silikongepolsterten Brüsten, den schmachtenden Blick auf einen stämmigen Kerl gerichtet, dessen Print auf seinem T-Shirt keinen Zweifel an seinen Absichten lässt. Er trägt einen Schnauzbart, der in langen Spitzen zum Kinn führt und sein unternehmendes Aussehen unterstreicht. Karla, mit männlichem Outfit, mannhaft auch leicht das Bein nachziehend, erzählt von der durch Unfall gefährdeten Lehrstelle und ihren Internetbekanntschaften. Da muss man wissen, wann Siezen und Knicksen zum guten Ton gehören. Man muss sich bekennen, ob Sub oder Dom, ja, auch wohl behaupten. Die Szene nennt sich BDSM - Bondage, Dominanz, Sado, Maso.

Aus einer Nachbarnische schallt verhaltenes Lust-Wehgeschrei. Es entringt sich der Kehle einer langhaarigen Blondine, die unterleibsentblößt, aber bestiefelt auf einer an langen Ketten hängenden Liege, an Hand- und Fußgelenken befestigt, sich ihrem Liebhaber präsentiert. Der bearbeitet sie kunstgerecht mit zärtlichem Nachdruck mit einer Reitgerte. Man schaut zu. Das ist der Kick, wie mir später bedeutet wird.

Tanja hat sich auf der Streckbank anketten lassen. Sie ist nur mit schwarzen Strümpfen bekleidet. Gestreckt, die Gelenke zusammengebunden, die Augen verbunden. Ein Vibrator blitzt über ihrer rasierten Scham. Ihr Dom hat seinen Instrumentenkoffer mitgebracht. Er enthält sein Prachtstück, eine lange, fein gearbeitete, geflochtene Lederpeitsche, die mir fast zum Verhängnis wurde. Aber davon später. Das Publikum scheint seinen Stolz zum Schwellen zu bringen. Scheinbar ungerührt umkreist er sie, hier und da lässt er die Gerte pfeifen, Wachs über ihre aufgerichteten Brüste tropfen und fixiert mit geübtem Griff den Vibrator. Sie windet sich, seufzt und stöhnt.

Später wird das Vorgehen und Erleben noch einmal ausführlich an der Bar erläutert und fachmännisch erörtert. Tanja erklärt mir, dass sie sich mit allem, was ihr Dom vereinbare, einverstanden erkläre. Wenn er der Mitwirkung Fremder zustimme, gelte dies als unumstößlich für sie, die Sub.

Manuela erzählt von den Tücken der Szene. Eine Frau habe sich fesseln und knebeln lassen. Ihr Liebhaber habe seine ganze Fußballmannschaft über sie gehen lassen. Nun sei sie traumatisiert auf immer. Ein anderer habe seine gefesselte und geknebelte Sub unters Bett geschoben, um es dann mit einer anderen auf dem Bett zu treiben.

Die Geschichte mit der Peitsche hatte sich folgermaßen zugetragen: Ich hatte die Peitsche an einem Haken hängend gefunden und betrachtete sie mir genauer, ohne sie herabzunehmen. Der schnauzbärtige Dom durchstreifte offenbar auf der Suche danach die Nischen und Winkel. Als er sie in meiner Obhut entdeckte, bemerkte ich scherzhaft, ich hätte schon in Betracht gezogen, sie an mich zu nehmen. Ich deutete auf meine Handtasche. Da wurde der Mann schier zur Furie, und ich musste mich auf untertänigste Worte besinnen, um ihn von meiner Lauterkeit zu überzeugen.

* Alle Namen wurden redaktionell geändert

Gunhild Simon
28.04.2008

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