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Das Verhältnis von Erstleseunterricht und Rechtschreibung

Wie lernen Kinder lesen und schreiben? Schadet es, wenn man sie nach Gehör schreiben lässt? Prägt sich womöglich etwas Falsches ein, oder verlieren sie vielleicht die Lust am Schreiben, weil sie durch ständige Korrekturen eingeengt werden?

Kinder verkennen nicht, dass sie Anfänger sind. Sie befinden sich in einer Lebensphase, wo Lernen ihr Lebensinhalt ist. Dazu trägt ein vertauensvolles Verhältnis zu ihren Vorbildern bei.

Lehrer und Eltern sollen kindliche Werke begutachten, achten und ernstnehmen. Verbesserungen an sich sind nichts Herabsetzendes, sondern ein Zeugnis des Interesses am kindlichen Lernen. In Verbindung mit der Anerkennung der Anstrengung fördern sie das Selbstbewusstsein, vermitteln Zutrauen zum eigenen Können, spornen an. Das gelingt, indem man ihnen zeigt, wie das geht. Konzentration, Aufnahmefähigkeit und Problemlösungsfähigkeit gilt es herauszufordern.

Schrift ist in der kindlichen Umgebung allgegenwärtig. In Bilder- und Kinderbüchern, in der Werbung, Zeitschriften, an Läden und Geschäften. Die ganz Begabten können schon lesen, wenn sie in die Schule kommen. Sie lernen lesen unabhängig von der Methode.

Man muss unterscheiden zwischen Lesenlernen, also den beiden Vorgängen des Synthetisierens von Buchstaben zu ganzen Wörtern und der Wiedererkennung von Wortbildern, und dem damit zwar verknüpften, aber dennoch ganz unabhängigen Erfassen der Rechtschreibung.

Natürlich unterstützt vieles Lesen in Kindheit und Jugend die Rechtschreibfertigkeit durch die Gegenwärtigkeit der richtigen Schreibung, dennoch ist Schreibfähigkeit, erst recht einschließlich der Rechtschreibung, eine gesonderte Leistung.

Es gibt eine Strömung in der Erstlesedidaktik, die die Rechtschreibung beiseite lässt. Die Kinder lernen unterstützt durch eine Anlauttabelle, [1] etwas bildlich erfasste Laute zu einem Lautgebilde zusammenzufügen und so selbst ein Wort zu entwickeln. Dass man mit dieser Methode Fehler in Kauf nimmt, ist kein zu hoher Preis, bedenkt man, dass man die Selbstätigkeit und die Freude am eigenen Herstellen und Gestalten damit fördert, eine Einstellung zur Arbeit und zum Produkt, die lebenslang wertvoll bleibt. Deshalb setzt man mit dieser Methode ganz auf kreatives Schreiben, gibt der ungetrübten Freude Raum, sich schreibend zu äußern nur um des Inhalts willen.

Es ist ein akzeptables Vorgehen, Schreibanlässe zu schaffen, Schreiblust und kindliche Aktivität nicht zu ersticken in formalen Korrekturen, sondern ihnen Möglichkeiten, sich schriftlich auszudrücken.

Wenn ein Kind stolz seinen ersten Satz präsentiert “Mama hold Brod”, kann man daran eigentlich nichts ernstlich kritisieren. Man wird sagen: “Prima!” und dann kann man, wenn man sicher ist, das Kind dadurch nicht zu entmutigen, sondern anzuspornen, beiläufig hinzufügen: “Ich kann das gut lesen. Ganz richtig geschrieben wäre dein Satz so: Mama holt Brot.” Wenn das Kind schreibt “Mama holde Brot”, wird man, mit Hilfe von Lautgebärden vielleicht, die Laute mit dem Kind nachvollziehen, damit es den t-Laut Laut begreift und selbst richtigstellen kann: “Mama holte Brot”.

Kein Grundschullehrer kommt an der Rechtschreibung vorbei, schon deshalb nicht, weil er im Zeugnis der 2. Klasse dazu explizit Stellung nehmen, sie ab Klasse 3 in der Regel in Form einer Note beurteilen muss.

Also muss er Rechtschreibung lehren und trainieren, um den Lernerfolg in Diktaten und Korrekturen überprüfen zu können.

Wenn der Lehrer die Lernmaterialien für den Erstleseuntericht – das ist die Fibel mit ihrem Begleitheft – und im weiteren Verlauf diejenigen für den Schreiblehrgang verwendet, ist Rechtschreibung allgegenwärtig. Wer ganz ohne das auskommt, muss alles Unterrichtsmaterial selbst erstellen, das erfordert einen sehr hohen Einsatz, der angesichts der anderen Unterrichts-, Erziehungs-, Fortbildungs- und Verwaltungsverpflichtungen nur in Teamarbeit geleistet werden kann. Diese hätte dann die Aufgabe, das Lernmaterial gemeinsam und arbeitsteilig zu entwickeln, zu erstellen, zu sammeln und zugänglich zu machen.

In der ersten Phase des Leselehrgangs dient das Schreiben in Druckschrift in erster Linie dem Lesenlernen. Mit dem Ablauf des Schreiblehrgangs – der gebundenen Schreibschrift – setzt dann die Formulierung von Sätzen, schließlich von kleinen Texten ein. Damit einher geht die Konfrontation und Auseinandersetzung mit den geläufigen Fällen der Rechtschreibung.

Eine Ausblendung der Rechtschreibung müsste fehl gehen, weil die irrige Auffassung, es komme auf sie nicht an, im Verlauf der weiteren Karriere nicht auf Akzeptanz stößt. Parallel dazu nehmen auch die anderen Felder des Deutschunterrichts an Bedeutung zu, sich mündlich und schriftlich stilistisch und argumentativ angemessen auszudrücken.

[1] Jürgen Reichen: Lesen durch Schreiben
Näheres beispielsweise hier:
lehrer-online: Lesen durch Schreiben – eine Methode von Jürgen Reichen

Gunhild Simon
Nov 25 2010

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