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Dativrektion und Genitivrektion - Verdrängt der Dativ den Genitiv?

Der Genitiv wird durch den Dativ verdrängt. So lautet die Klage der Sprachpfleger. Jedoch, trifft auch die umgekehrte Tendenz zu?

Der Genitiv gilt allgemein als der auf einer höheren Sprachebene angesiedelte Kasus. Das mag auch daran liegen, dass er im Maskulinum und Neutrum seine Endung - /[e]s/ bewahrt hat. Deshalb wirkt er als Objektkasus - d. h. als zu einem Verb gehörig - in der gesprochenen Sprache oft deplaziert oder gestelzt.

Durch den Zusatz einer Präposition findet meist ein Wechsel der Rektion des Verbs statt: erinnern, entsinnen regieren neben dem Genitiv die Präposition an, walten daneben die Präposition über; vertrauen, senden regieren, alternativ zum Dativ, Präpositionen: auf bzw. an. Auf diese Weise wird ein Dativ- oder Genitivobjekt durch ein gewöhnliches Präpositionalobjekt im Akkusativ ersetzt.

Auch das Verb frönen*, übertragen: sich einer Leidenschaft ergeben, verlangt den Dativ. Da im Femininum Dativ und Genitiv identische Formen haben, bleibt eine Verwechslung der Fälle oft unauffällig: seiner Sucht frönen, jedoch: dem Luxus frönen.

Umgekehrt trifft dies auf Verben mit Genitivrektion zu: sich einer Sache annehmen lässt zunächst nicht nicht erkennen, um welchen Objektkasus es sich handelt. Dies wird erst im Maskulinum oder Neutrum erkennbar: sich eines Falles, eines Problems annehmen.

froh des -> froh über, voll des -> voll mit, mächtig des-> mächtig zu, kraft des -> durch. Genitive sind eher Bestandteile fester Wendungen: voll des süßen Weines, seines Amtes waltend, kraft Gesetzes.

Aus stilistischen Gründen ist in bestimmten Fällen - sei es in der Umgangssprache, sei es beim Weglassen des Artikels - der Dativ akzeptabel: trotz dem Wetter, wegen dem Regen, während dem Aufenthalt, Weiterverkauf trotz Umbau, wegen Todesfall geschlossen, während Gewitter kein Zutritt.

Um eine stilistisch höhere Sprachebene zur Geltung zu bringen werden ursprünglich dativregierende Präpositionen verändert. Dieser Umbruch folgt einer Art Analogiebildung zu traditionell genitivregierenden Präpositionen: kraft, vermöge, statt. Da diese Wandlung gerade im autoritätsheischenden Behördendeutsch geschieht, wirkt er umso zwingender, sodass diese Wandlung zunehmend akzeptiert und übernommen wird. Beispiele dafür sind: dank, gemäß, entgegen, laut, samt, mitsamt, nebst, zufolge, zuwider, entsprechend.

Der Wandel betrifft insbesondere die sekundären Präpositionen, die sich aus Substantiven (dank), Verben (entsprechend) und Adjektiven (laut) ableiten. Sie haben zunächst also den Kasus von ihrem Ursprungswort geerbt. Davon betroffen ist augenscheinlich insbesondere trotz. Sowohl das Verb jdm trotzen als auch die Konjunktion trotzdem lassen auf einen ursprünglichen Gebrauch mit dem Dativ schließen. Neuerdings ist trotz, das dem Verbalsubstantiv Trotz entstammt, mit Dativ, besonders in der gesprochenen Sprache, wieder akzeptabel. Ebenso: während, wegen, binnen, einschließlich, zuzüglich, fern, unfern, unweit, entlang.

Wird eine Präposition, die in der Voranstellung bereits mit dem Genitiv gebraucht werden kann, als Postposition** verwendet, also ans Ende gerückt wird, folgt sie der ursprünglichen Rektion: entlang, zuwider, zufolge, entsprechend, gemäß.

entlang des Flusses - dem/den Fluss entlang
zuwider meines Gebots - meinem Gebot zuwider
zufolge des Bedarfs - dem Bedarf zufolge
entsprechend des Beschlusses - dem Beschluss entsprechend
gemäß dieses Gesetzes - diesem Gesetz gemäß

Aus diesen Beobachtungen leitet sich die Annahme ab, dass der Wechsel von der Genitiv- zur Dativrektion Bedingungen folgt, die sich aus Analogiebildung oder normativem Druck erklären, während der Übergang vom Genitiv zum Dativ Zeichen einer spontanen Veränderung ist.***

* Zur Etymologie von Fron vgl: blog.institut1: Fronleichnam - heiteres Fest mit befremdlichem Namen (letzter Absatz)

** Postpositionen sind nachgestellte wie halber, wegen, entsprechend

*** vgl dazu ausführlich: Arbeitspapiere des Seminars für Sprachwissenschaft der Universität Erfurt - Bildung von Adpositionen im Deutschen (pdf)

Gunhild Simon
1.11.2008

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