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Dichtung – poetisch oder profan?

Dichtung ist ein Teekesselchen. Das dazugehörige Verb dichten verrät vielleicht die gleiche Spur. Ist diese Fährte die richtige?

Unter Dichtung in literarischer Beziehung versteht man Dichtkunst oder Dichtwerk. Dichtung im technischen Sinne bedeutet Abdichtung, Eindämmung und Verhinderung von Durchlässigkeit.

Gemeinsam könnte beiden ein Verständnis von dicht zugrundeliegen – dicht verstanden als eng, gedrängt. Das Adjektiv hat in diesem Zusammenhang bereits zwei figürlich zu verstehende Bedeutungen. Bezogen auf einander zuzuordnende Sachen oder Individuen – z. B. Häuser, Menschen, Pflanzen oder Tiere – bedeutet es eng beieinander, gedrängt. Technisch verstanden bedeutet es undurchlässig oder isoliert – z. B. bezogen auf Lärm, Kälte, Wind oder Wasser.

Im technischen Bereich ist das Dichten, die Dichtung und Abdichtung ein Vorgang des Verschließens. Eine Dichtung ist auch ein Teil einer Vorrichtung zur Verhinderung von Durchlässigkeit. Verdichtung ist ein Vorgang, der sich im Verbrennungsmotor bei der Umwandlung des Kraftstoffs in Energie abspielt.

Eine literarische Dichtung könnte als sprachlich dicht angesehen werden, als eine sprachliche Verengung und Verdichtung. Das könnte darauf verweisen, dass es sich um eine hochkonzentrierte Substanz, um ein von sprachlichen Überflüssigkeiten befreites Elaborat, um ein auf das Wesentliche reduziertes Werk handelt.

Etymologisch, also die Wortherkunft betreffend, lässt sich dieser naheliegende Zusammenfall nicht halten. Zu dem Adjektiv dicht und dem Verb dichten führen nämlich unterschiedliche Wurzeln. Das lässt sich an ihren mittelhochdeutschen Vorgängern nachweisen und veranschaulichen.

Die Herkunft beider Wörter zeigt, dass dicht, aus mittelhochdeutsch dihte, eng, gedrängt, und damit verbunden dicht machen, abdichten, verdichten, sich aus anderer Quelle speist als dichten, mittelhochdeutsch tihten, vorsagend verfassen, ersinnen. Dichten ist verwandt mit lateinisch dictare, “diktieren”. Das bedeutete ursprünglich, einen Text in ein angemessenes und wohlklingendes Latein zu übertragen. Daraus entwickelte sich schließlich das Verständnis von schriftlich abfassen – Gesagtes aufschreiben, Gedanken, die der Dichter als Dichtung, als “Diktat”, niedergeschrieben und als Dichtwerk, als Gedicht, ersonnen hat.

Gunhild Simon
Dez 29 2009

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