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Die letzte Reise

Es hatte sich schon seit einer Weile nicht mehr verhehlen lassen. Mit dem Hund stimmte etwas nicht. Immer hatte er Hunger. Nach Hundeart, ja. Doch nichts vermochte er recht bei sich zu behalten.

Und nun die Gewissheit: ein Tumor am Mageneingang. Das Todesurteil.

Das zehnjährige Kind Emily und den jungen Retriever Kohei verband eine Seelenverwandtschaft. Beide blondgelockt. Beide außer sich vor Glück bei jedem Wiedersehen.

Vierzehn Jahre sind vergangen, Emily ist längst erwachsen und Kohei ist eine sehr betagte Hundedame. Das sieht man ihr nicht an. Denn das seidige, schön geschorene Fell, die blanken Augen, die gute Pflege und die Freude am Leben lassen sie jünger aussehen. So jung, dass Passanten sie oft für einen jungen Hund hielten: Ach vierzehn! 14 Monate, wie süß!

Der Tierarzt hat eine Magenspiegelung gemacht. Er hat ein Schmerzmittel verabreicht. Das hält vielleicht für drei Tage. Es ist eines, das für Menschen bestimmt ist.

Jetzt haben sie ihre letzte gemeinsame Reise angetreten, Emily und Kohei. Kohei - das ist japanisch und bedeutet soviel wie “zu führender Freund”. Die letzte Führung. Noch einmal an die Nordsee. Ein letztes Mal über den Sand, durch die flachen Wellen zusammen, nebeneinander gehen, wo sie früher am endlosen Strand von St Peter um die Wette rannten. So gesittet, wie man es sich früher gewünscht hatte, wenn der verflixte Kerl mal wieder ausgerissen war, um irgendein unergründliches Geruchsbild seines Hundelebens zu erkunden. Wieder zurückgekehrt war das Nackenfell struppig und mit - für unsere olfaktorischen Maßstäbe - unerträglichen Aromen zweifelhafter Herkunft durchsetzt.

Er ist schwach geworden.

Eine letzte Nacht, eine letzte Mahlzeit, letzte Schritte. Sterbebegleitung. Aber es gibt den Trost, das Tier habe kein Bewusstsein des Bevorstehenden. Vergangenheit und Zukunft, Erinnerungen und Ahnungen, streifen seine Gegenwart nicht. Seine Seele ist ein Spiegel des Augenblicks. Der Hund spürt nur die Traurigkeit des geliebten Menschen und will nach Hundeart trösten. Er leckt über die Hände, er schmiegt sich an und weicht nicht von der Seite seines Menschen.

Heute ist ein guter Tag zum Sterben. Die Morgenkühle hat schon einen Geschmack des nahenden Herbstes. Ein dieser letzten durchsichtigen Augusttage - Zeit der spätsommerlichen Sternschnuppen. Aber dem Tod nimmt er nichts von seiner Bitterkeit.

Später wird, wie verabredet, der Tierarzt kommen. Er wird ein Beruhigungsmittel injizieren, und Kohei wird in Emilys Armen einschlafen. So fest, dass die zweite Injektion, die direkt ins Herz trifft, nicht mehr zu spüren sein wird. Das Beruhigungsmittel wird das alte Herz zum Stillstand bringen und das Leben auslöschen.

Was bleibt, ist ein Hundegrab unter den windschiefen Weiden von Eiderstedt.

Gunhild Simon
17.08.2008

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