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Die Ziege - ein fabelhaftes Tier nicht nur für Käse

Ziegen, schon fast vergessen, sind wieder im Kommen. Ziegenkäse in allen Formen, Frischkäse oder Ziegencamembert, was bis vor kurzem eine kostspielige Delikatesse war, ist in jedem Supermarkt zu erwerben. Ziegenmilch allerdings, oder noch krasser, Schokoladenpudding daraus gefertigt, das ist - erfahrungsgestützt - gewöhnungsbedürftig.

Während ihre Verwandten, die rundlich wirkenden Schafe in einer riesigen Herde von einem Schäfer und manchmal äußerlich kaum zu unterscheidenden Hunden gehütet werden oder nahezu sich selbst überlassen weitläufig Deichpflege betreiben, können Ziegen sich auch an ein individuelleres Leben anpassen. Zwar sind sie eigentlich auch Herdentiere, wie wir bereits aus Johanna Spyris “Heidi” wissen, wo der Peter die Geißen hütet. Aber als “Kuh des kleinen Mannes”stand sie im Stall, ließ sich hüten oder anpflocken und lieferte die Milch für den täglichen Bedarf.

In den heimeligen Märchen der Brüder Grimm begegnen uns Ziegen als unsanfte und eigensinnige Wesen. “Der Wolf und die sieben jungen Geißlein” erzählt von den Zicklein, die in Abwesenheit der alten Geiß vom bösen Wolf überrumpelt, verführt, geschändet und verschlungen werden, und vom Einsatz der Mutter, ihre Kinder aus der Hand des Rohlings zu befreien und blutige Rache zu üben.

In “Tischlein-deck-dich” hat die Ziege mehr Wertschätzung und Glaubwürdigkeit bei ihrem Besitzer als seine eigenen Söhne, die allesamt durch die Verleumdung des falschen Tiers vom Vater verworfen und vertrieben werden.

Mir hat einst ein Ziegenbock freundliches Verständnis abgenötigt, der, einen Knüppel im Maul, sich damit die unerreichbaren juckenden Körperstellen rubbelte.

Im Volksmund ist “Zicke”, “zickig”, “Zickigkeit” eine beliebte Kennzeichnung für ein launisches, unangenehmes weibliches Verhalten. Ein anderes Wort ist das mitteldeutsch-dialektale “Hippe”, das neben Ziege und Zicke auch eine Art Gartensichel bezeichnet, ein Gerät, das, dem Sensenmann nahestehend, keine anheimelnden Regungen auslöst. Zu alledem passt das unmelodische Meckern der Ziegen, das ungeduldiger und fordernder klingt als das friedliche Blöken oder dumpfe Muhen des anderen Viehs. Aus ihren Augen mit querstehenden Balkenpupillen und gelber Iris blicken sie scheinbar unbeseelt drein. Dem Teufel selbst werden Geruch, Fuß und Gehörn des Ziegenbocks zugeschrieben. Ziegen haben einen knochigen Körperbau - schließlich sind sie in Behendigkeit auf unwegsamen Pfaden unterwegs. Selbst vor Bäumen machen sie in ihrer Kletterkunst nicht Halt. Die heimische Schlingpflanze mit den duftenden gelb-orange-changierenden Blüten, das Geißblatt, Caprifolium, ist ein Hinweis.

Die Ziege heißt auf italienisch und lateinisch capra, die wilde Ziege caprea, auf spanisch cabra und auf französisch chèvre. Chevreau ist feines Ziegenleder. Das Fremdwort die Kaprice, Laune - dazu kapriziös, launenhaft, eigenwillig, sich kaprizieren, eigenwillig auf etwas bestehen - bezieht sich auf Eigenschaften, die man an Ziegen zu beobachten glaubt.

Dieses Wort begegnet uns auch in der Musik - ein Capriccio ist ein heiteres Stück, capricioso heißt scherzhaft und launenhaft. Auch die “Pizza Capriciosa” schmückt sich mit diesem Attribut. Kapriole, das eigentlich Bocksprung, Luftsprung, heißt, ist übertragen ein übermütiger Streich, dazu gehört die Wendung “Kapriolen machen”, launenhafte Einfälle haben. Dieses Bild verweist auf junge Böcke, die, Kopf und Gehörn vorgestreckt - bockig - springen.

Der italienische Salat, der auf keiner Party fehlen darf, in den Nationalfarben rot-weiß-grün, bestehend aus Tomaten, Mozzarella, Basilikum - und natürlich Olivenöl - dieser Salat heißt Caprese. Der Name bezieht sich auf die kampanische Insel Capri , lateinisch Capreae, Wildziegen. Die Insel ist so klein und felsig, dass sie kaum je behäbige Büffel zu beherbergen vermochte, sondern neben den Caprifischern zweifellos Ziegen die idealen Lebensbedingeungen bot. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung: Caprese mit Ziegenfrischkäse statt mit Büffelmozzarella scheint die authentische Zusammenstellung.

Gunhild Simon
20.06.2008

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