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Eltern und Kinder - Tyrannen oder Untertanen?

Kinder - der Spiegel unserer selbst. Das wünschen wir uns insgeheim. Weiterleben in unseren Kindern und Kindeskindern. Etwas von uns soll bleiben.

Es gibt auch noch einen anderen Aspekt. Der hat mit Prestige zu tun. Unser Kind soll uns schmücken. So trägt es die zusätzliche Bürde der Perfektion, des Ideals. Seine Entwicklung wird vom Beginn seines Daseins an beobachtet und verglichen. Dieser Vergleich fällt oft ängstlich, kritisch, ja, lieblos aus. Denn die Latte wird hoch gelegt. Das Kind soll, wenn schon nicht die unerfüllten Träume der Eltern verwirklichen, wenigstens Ebenbürtigkeit mit ihnen in seinem Lebensweg erreichen.

Es gibt keine Anhaltspunkte für solche Erwartungen, weil sich intellektuelle Fähigkeiten statistisch nicht signifikant weitervererben, sondern eine Nivellierung zum Durchschnitt zu beobachten ist.

Zur Förderung und Festigung des sozialen Status werden die Kinder in außerinstitutionelle Programme eingebunden. Die Programme bestehen aus Sport und Ballett, Musikunterricht und Nachhilfe, die den Kindern keinen persönlichen Spielraum mehr erlauben, die Mütter zu Managern und Chauffeuren machen.

Wenn gemeinsames Erleben, alltägliches Tun, das Nähe schafft, verdrängt wird durch ein Renommier- und Aufsteigerprogramm, dann mündet Leistungsdruck in Emotionsschwund und Kontaktverlust. Wenn ein Programm zum Gerüst des Tuns erforderlich wird, wenn sich der Wert des Tuns an seinem gesellschaftlichen Wert bemisst, geht diese Bewertungsweise auf das Kind über. Es entgleitet einem. Man weiß nichts mehr miteinander anzufangen.

Das Kinderkriegen ist heutzutage kaum weniger beschwerlich als früher. Frauen müssen austragen, gebären, überwiegend aufziehen. Aber man hat heute einen anderen Entscheidungsspielraum. Kinder kommen als Wunschkinder auf die Welt. Sie bedeuten keine schicksalhafte Wende mehr. Sie werden in den Lebensweg eingeplant. Das verändert ihre Rolle.

Sie werden zum Symbol elterlicher Qualität, dem sichtbaren Beweis eigener Perfektion. Unter diesem Aspekt wird die kindliche Entwicklung beobachtet, gefördert, gepflegt.

Das moderne Kind lebt individuell. Nachbarskinder und Straßenkinder haben an Bedeutung verloren. Der Spielplatz, der Park, die Spielkameraden werden in Begleitung besucht. Der Umgang mit anderen Kindern wird reglementiert durch Verabredungen, die unter elterlicher Regie zustandekommen. Die im Hintergrund wachenden Mütter regeln, dämpfen und beschwichtigen schon im Vorfeld. Das beeinträchtigt die Entwicklung der Konfliktfähigkeit im Spannungsfeld von Kompromiss, Selbstbehauptung und Entgegenkommen.

Kinder überzubehüten, ihr Leben zu organisieren, bringt sie um eigene Erfahrungen. Dazu gehören auch negative. Gefahr und Davonkommen, Triumph und Scheitern - das sind Erfahrungen, die ein Kind im Spiel macht. Bäume zu erklettern, Untiefen zu durchwaten, Fundstücke aufzuheben, das sind im Kleinen die Gipfel, die zu erstürmen, die Meere, die zu erforschen, die Schätze, die zu heben sind.

Heranwachsen ist auch Gefährdung. Ein Kind hat ein Recht auf den eigenen Erfolg genauso wie auf den eigenen Misserfolg.

Gunhild Simon
31.07.2009

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