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Gemse, Stengel, Greuel und aufwendig - Stammprinzip und Etymologie

Der Rechtschreibreform waren viele eingebürgerte Wörter zum Opfer gefallen, deren Etymologie offenbar so wörtlich genommen wurde, dass man rigoros umzulernen aufgefordert war. Das betraf insbesondere Wörter, deren /e/ zu einem /ä/ geändert wurde. Die bekannten Opfer damaliger Modernisierung waren Gemse, Stengel, Greuel und greulich, behende und aufwendig.

Das bereitete vielen Verdruss, weil die Zahl dieser Wörter, auf deren Stammprinzip man sich berief, so gering war, dass man sie getrost als Ausnahmen weiterhin hätte bestehen lassen können - als kleine Marotten der Sprache, die ja eines gewissen Charmes nicht entbehrten.

Ich möchte die Frage des Stammprinzips näher beleuchten und erläutern.

Neben Gemse steht Gams. Das ist eine Bergziegenart. Dazu finden sich Gamsbock und Gamsbart, ein pinselähnlicher Schmuck des alpinen Jägerhutes. Parallel zu Wolf - Wölfin, Hund - Hündin nahm man offenbar die Umlautung wörtlich und vergaß zweierlei: Diese Parallelen sind eindeutige Ableitungen. Andere Formen, die bereits originär einen Umlaut enthalten, machen den Gedanken zunichte: Bär - Bärin. Hier spielt etymologisch sogar ein /e/ mit, mittelhochdeutsch ist das der ber, althochdeutsch bero, der Meister Petz.

So wie Gürtel und Ränzel ihren Stamm in Gurt und Ranzen haben, leitet sich der Stengel oder Stängel offensichtlich von Stange ab. Das ist der Stiel einer Blume oder eines Blattes. Ein Blick in die Wortherkunft weist allerdings schon die mittelhochdeutsche Fassung als stengel, die althochdeutsche als stengil aus.

Das Gleiche gilt für behände. Es wird nach den neuen Vorschriften zwar nach seinem Stamm, Hand, mit /ä/ geschrieben, hat aber ebenfalls mittelhochdeutsche Wurzeln: behende für geschickt, ein Ausdruck dafür, dass etwas “leicht von der Hand” geht. Die Schreibweise von behände blieb als einzige der genannten festgelegt.

Als Unterscheidung zwischen greulich, entsetzlich, zu gräulich, grau werdend, bot sich die unterschiedliche Schreibweise an, die sich auch in Greuel und Greueltat widerspiegeln. Nun haben beide Wörter etwas mit Grauen, grausen, grausam, graulen, gruseln zu tun, mittelhochdeutsche gruwen. Daneben steht die alte niederdeutsche Form grewel, Greuel. Mit der Farbe grau haben alle offenbar nichts zu tun, demnach auch nichts mit dem Morgengrauen, das die allmähliche Erhellung des Himmels beschreibt.

In Aufwand erkennt man Wand, aufwenden kommt von wenden, sich umwenden, “zum Gehen wenden”, sogar noch enthalten in der englischen Präteritumsform went. Sich wenden hängt seinerseits mit winden, drehen, flechten zusammen. Wände bestanden früher aus lehmverschmiertem Flechtwerk - “gewundenes Werk”, die Leinwand ist der gewundene Leinfaden, das Gewand ist das Kleidungsstück, das daraus gefertigt ist. Verben wie aufwenden und einwenden, dazu Einwand als Substantiv haben einen Zusammenhang zu der Präteritumstammform wand von winden, ineinander verweben, verflechten.

Die parallelen Wörter - inwendig und auswendig - sind zwar ein Bild dafür, etwas nach innen oder außen zu wenden, haben aber nicht den figürlichen Zusammenhang zu Wand und winden. Daher gibt es ja auch weder “*Inwand” noch “*Auswand”, sondern nur Einwand und einwenden, und das hat keine Adjektivableitung, die “*einwendig” hieße.

Die in winden, wand, gewunden exemplarische Ablautfolge - i, a, u - tritt bei einer Vielzahl von Verben auf: springen, singen, schlingen, schwingen, finden, binden, schinden. Sie verweisen ihrerseits auf verwandte Formen: sprengen, schlenkern, schwenken, schänden, deren Ablaute eigenen Gesetzen gehorchen. Bei den unregelmäßigen Verben ist die Umlautung zu /ä/ bereits dem Konjunktiv II vorbehalten. Das bewirkt die Verwechslungsgefahr von wände, Konjunktiv II von winden und wende, Konjunktiv I von wenden.

Auch in wandern und wandeln, die beide mit wenden zusammenhängen, ist der Gedanke, seinen Standort zu ändern, enthalten: gehen, einhergehen, hin und her gehen, sich nach oder zu etwas wenden und im übertragenen Sinn sich ändern, sich wandeln.

Im Deutschen liegen Wörter, die ein /e/ oder /ä/ enthalten etymologisch oft nah beieinander. Dies lässt schenken erkennen. Dazu gibt es eine Vielzahl verwandter Wörter, die keine eindeutigen Rückschlüsse mehr auf den Stamm zulassen. Schenken bedeutete ursprünglich “zu trinken geben”, sogar “stillen”. Die Unentgeltlichkeit kommt in Geschenk, verschenken, beschenken zum Ausdruck, das “Zu-trinken-Geben” in ausschenken, einschenken, Mundschenk, Ausschank, Schänke, Schankwirtschaft.

Gunhild Simon
14.06.2009

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