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Haft, Haftung, Verhaftung

“Eltern haften für ihre Kinder.” Ein rätselhafter Satz über den sich so manches Kind ernsthaft Gedanken macht. Auch “Haftpflichtversicherung” erschließt sich ähnlich schwer. Denn soviel ist klar: Haft bedeutet Gefängnis, Gewahrsam. Übertragen erst wird es zu einem so abstrakten Begriff wie Verpflichtung und Bürgschaft.

Haft, althochdeutsch hafta, mittelhochdeutsch haft, hafte, bedeutet zunächst Fesselung, Gefangenschaft, Beschlagnahme. Die indogermanische Wurzel ist *kap, fassen, packen; lateinisch capere. Altisländisch ist hapt die Fessel.

Das altenglische haeft verweist ebenso auf eine Verbindung zwischen Haft, Heft und Handhabe. So wird auch das Heft des Schwertes und des Messers als Griff, um es handzuhaben, verständlich.

Selbst das Heft, das Schulheft, die Blattsammlung für Niedergeschriebenes, speist sich aus derselben, wenngleich entfernten Quelle. Hier bezieht sich Heft auf die Heftung. Heften meint zusammenhalten, eine Art “Fessel”, Bindung. Ein Heft wurde durch eine Fadenheftung gebunden. Durch Klebung zusammengefügt drückt es auch aus, was auch in anhaften zum Ausdruck kommt: Haften heißt binden, festhalten, festkleben.

Es ist in vielen Adjektiven als Suffix -haft enthalten. Unmerklich fast zeigt sich hier die wörtliche Bedeutung von Anhaften und Behaftetsein: Zweifelhaftem haftet Zweifel, Zauberhaftem Zauber an. Schandhaftes ist mit Schande, Lasterhaftes mit Laster, Boshaftes mit Bosheit behaftet.

Das Wort haften mit seinen Ableitungen von Haftung über verhaften bis Haft hat vielerlei unterschiedliche Bedeutungen.

Die Grundbedeutung von haften ist ganz vordergründig kleben – wie eine Fliege an der klebrigen Falle haftet. So gesehen ist haften im figürlichen Sinn zu verstehen. Bei dem Verb haften verschränken sich allerlei figürliche und übertragene Bedeutungen.

Übertragen bedeutet anhaften assoziativ untrennbar verbunden sein: Jemandem haftet ein Ruf an im Sinne von nicht freikommen oder ihn mit sich tragen.

Ein ebenso übertragendes Haften, “Kleben”, anhangen, steckt in verhaftet sein. Das ist das Zustandspassiv von verhaften. Verhaften ist im figürlichen Sinn in Gewahrsam nehmen. Verhaftet sein bedeutet gefangen, gebunden sein. Metaphorisch schließlich auch einer Denkweise, einer Tradition, einem eingeübten oder gelernten Verhalten. Idiomatisch steht verhaftet sein wie das ähnlich verwendete verpflichtet, verbunden sein, aber anders als gebunden sein, mit dem Dativ: einer Sache verhaftet sein.

Dagegen ist das Verb verhaften zwar zunächst eine Übertragung der ursprünglichen Bedeutung ankleben. Indem man verhaftet wird, ist man gebunden.

Durch die Verhaftung kommt man in Haft, kann sich nicht mehr frei bewegen. Diese Bedeutung von Haft ist eine Übertragung auf eine andere figürliche Ebene.

Heften ist das Kausativverb, das Veranlassungsverb von haften. [1]

Auch die Verben heften und verheften werden übertragen gebraucht. “Sich an die Fersen heften” ist verfolgen, “einen schlechten Ruf anheften” ist etwas Übles nachsagen, in Diskussionen verheften ist verstricken, einbinden. Verheftet und verhaftet sein wird so zum Synonym mit der Bedeutung von eingenommen sein.

[1] blog.institut1: Kausative Verben – eine Verbgruppe, die etwas über Wirkungen aussagt

Gunhild Simon
Apr 19 2010

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