Thumulla.com

Hamburg - Klosterstern

Klosterstern

Der Klosterstern ist eigentlich das Herz von Harvestehude. Harvestehude ist ein prosperierender Stadtteil, dessen Stadtvillen in einem immerwährend alterslosen Zustand dahinzudämmern scheinen. Wirft man einen Blick auf ihre Fassaden, so sind die feinsten Adressen mit unpersönlichem, sachlichen Gardinenschmuck versehen. Das liegt daran, wie dezente Schilder erkennen lassen, dass hier oft Praxen und Kanzleien im Parterre beheimatet sind. Dennoch, kommt man den benachbarten Einkaufsstraßen näher, zeigt sich, dass eine Vielzahl behüteter Kinder hier aufwächst. Darauf deuten all die Kinderwagen und wohlerzogenen Kleinkinder hin, die von eleganten jungen Müttern und fürsorglichen, lässig-edel gekleideten Vätern begleitet werden.

Der Klosterstern ist der beeindruckendste Kreisverkehr in Hamburg. Schon von weitem lässt er grüßen durch einen spitzfingrigen, unübersehbaren Kirchturm. Es ist der Turm von St. Nikolai, der einzigen Hamburger Hauptkirche außerhalb der Innenstadt. Diese Kirche könnte ein Hinweis sein - aber sie ist ja eine moderne Kirche der Nachkriegszeit, geschaffen von dem Kirchenarchitekten Dr. Langmaack. Sie ist Ersatz für die alte kriegsruinierte Nikolai-Kirche an der Ost-West-Straße, die genaugenommen Ludwig-Ehrhard-Straße heißt. Welch Allerweltsname für so eine unüberquerbare Schneise!

Diese kahle Hauptverkehrsader ist auch die Heimat des Hamburger Wahrzeichens, des Michels, St. Michaelis, wuchtigste Barockkirche und schönste Musikhalle Hamburgs.

Vom Klosterstern aus führen sechs Straßen in mehr als alle vier Himmelsrichtungen. Eine hat den zunächst irreführenden Namen Eppendorfer Baum. Genau besehen ist damit gemeint, dass dieser Boulevard noch gar nicht Eppendorf ist, sondern dahin führt. “Baum” deutet hier weniger auf Bäume oder Wald hin, sondern auf Schlagbaum, also Grenze. Er endet an einer sternförmigen Kreuzung, deren Namensverwirrung nur im Lichte der Geschichte verständlich ist. All die Straßennamen deuten darauf hin, dass die Wege hier erst in Eppendorf zusammenliefen: Eppendorfer Baum, gleich daneben die Eppendorfer Landstraße und nach der Ludolfstraße und der Curschmannstraße der Eppendorfer Weg, den schließlich noch der Lehmweg von unserem Boulevard scheidet.

Den Klosterstern umgeben fromme Straßennamen, die an klösterliche Abgeschiedenheit gemahnen. Und tatsächlich stand hier vormals ein Kloster. Dessen Zeugen sind die Abteistraße, der Nonnenstieg, das Frauen- und das Jungfrauenthal und die St. Benediktstraße. Ein Bummel durch diese stillen Staßen ist besonders erhebend zur Winterzeit, wenn frischgefallener Schnee nur hier und da von menschlichen Spuren durchkreuzt wird und Fenster und Vorgärten festlich geschmückt sind. Aber diese Koinzidenz ist selten in der Freien und Hansestadt, die ja die meisten Fremden an die Grellheit und den Lärm der Amüsierviertel denken lässt.

Gunhild Simon

alle    deutsche Sprache    Gunhild Simon    Startseite(__index)



Thumulla.com    Startseite der Artikel    Links und Werbung    Diskussion    Suche auf dieser Seite