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Notbesuch bei den Universitätskliniken Eppendorf - UKE

Die freiwillige Vertreibung aus dem Paradies

Ich fand schon zu Beginn der siebziger Jahre nach Eppendorf, nicht ahnend, dass es wohl für immer sein sollte. In meiner damaligen WG waren die Mediziner in der Überzahl. Eppendorf hatte den Beiklang von Medizin, weil hier die Universitätskliniken stehen. Zu diesen Zeiten war die von Bäumen umgebene Mensa des UKE die heimeligere und nächstgelegene. Man konnte sich auch ein Taschengeld und ein herzhaftes Frühstück mit 400 ml Blut erkaufen. Die gleichzeitige Untersuchung beim Blutspendedienst erschien vorteilhaft, man hielt sich eine gute Tat zugute. Aids war noch fern.

Nun habe ich mir beim Kochen die Hand verbrüht - heißer Wasserdampf, so heiß, dass ich zuerst gar nichts gespürt hatte. Nach minutenlanger Kühlung unter fließendem Wasser hoffte ich, mich des brennenden Problems entledigt zu haben. Das sollte sich schon am nächsten Tag als Irrtum erweisen. Rötung, Brandblasen, offene Wunde, Blut. Die ganze Palette. Ärzte mögen Verletzungen nicht besonders. Salbe drauf, ein blütenweißer Verband darum und fertig!

Ich bin bekennender Eigenbrötler - nicht nur in Bezug auf die Gesundheit. Ich lebe - na ja: fast - allein. Mein Nesthäkchen ist spürbar flügge. Das äußert sich vor allem im individuellen Lebensrhythmus eines 17-jährigen. Ich gehe allein spazieren, allein schwimmen, allein ins Kino und leidenschaftlch gern allein auf den Flohmarkt. Irgendwann wird die Eigenbrötelei mir noch mal zum Verhängnis!

Zugegeben, ich schreibe dies alles, um das Wort eigenbrötlerisch einzuflechten und darzutun. Man denkt an Brot dabei. An Brot, das man eigenwillig und ungesellig vor sich hin krümelt. Sollte ich mich nicht lieber eigenbrödlerisch nennen? Die Wörterbücher wollen es nicht so. Die Herkunft des Wortes Brot legt nicht unbedingt die Auslautverhärtung durch ein /t/ nahe. Das zeigen verwandte Wörter, englisch bread, niederländisch brood, schwedisch bröd. Darin steckt das Verb brodeln, das auf den Ursprung des Wortes, brauen, also den Gärvorgang hinweist. Brot verdankt also seinen Namen der Sauerteigzubereitung, der Gärung zur Auflockerung des Teigs durch Hefe. So drängte die Bezeichnung Brot die ältere Laib zurück, die dem festen Fladen aus ungesäuertem Teig genübersteht.

Auch mein Bild des krümelnden Griesgrams berührt nur einen Teilaspekt des Eigenbrötlers. Sein Name rührt daher, dass sein eigenes Brot zu backen in Zeiten eines dörflichen Gemeinwesens mit gemeinschaftlich genutzten Backhäusern unsozial war.

Die Panik kam an Pfingsten. Da versagte auch die gnädige Verhüllung mit meinem eigen-und einhändig, jedoch notdürftig angelegten Verband, und ich kapitulierte. Also zähneklappernd zur Ambulanz des UKE!

Der Weg führt zwischen blühenden Kastanien steil die Curschmannstraße hinauf, vorbei an dem Laden, der früher die renommierteste Buchhandlung für medizinische Fachliteratur beherbergte, Otto Spatz. Damals war es der Ehrgeiz aller mir bekannten Jungmediziner, dort schon mal etwas mitgehen zu lassen. Ich hoffe aber, dass nicht dieser Umstand ihm den Garaus machte. Heute hat sich dort eine langweilige Versicherungsagentur niedergelassen. Das wirkt sich entschieden gegen die Lebendigkeit der Straße aus. Kaum habe ich die Breitenfelder Staße überquert, stemme ich mich radelnd zwischen dem Eppendorfer Park und einer langen Taxischlange hindurch auf den Haupteingang des Klinikgeländes zu. Ich bin am Ziel.

Im Pförtnergebäude erhalte ich einen Plan. Dann muss ich mich in einer anderen Welt zurechtfinden:

Plötzlich ist es hektisch und staubig. Baustellen, komplizierte Verkehrsführungen, Krankenwagen. Überall stehen Leute rum. Was die da machen, fragt man sich. Sie rauchen. Es sind Patienten, Besucher, Sanitäter. Man hat auch schon extra Bänke aufgestellt. Denn Rauchen geht ja, wie man allenthalben beobachten kann, nur noch in Front der Gebäude. Zum Glück ist das Wetter schön, das lässt sie weniger bemitleidenswert erscheinen - als sonst die allenthalben im Hamburger Nieselregen nachlässig bemäntelten mit hochgezogenen Schultern Bibbernden. Ich schlage mich durch zur Unfallambulanz.

Die breiten Automatiktüren gemahnen an das Hereingebrachtwerden auf Bahren. Da bin ich froh über meine bescheiden verbundene Hand. In der Ambulanz ist es angemessen freudlos kahl. Eine künstliche Birkenfeige mit matt angestaubtem Blattgrün. Eine lange Reihe von Stühlen, zerlesene Zeitschriften. Ich habe mir Lektüre mitgebracht, mich auf eine geraume Wartezeit eingestellt. Am verglasten Schalter werde ich aufgenommen. Ich habe gut daran getan, meine Klinik-Karte - oder heißt das schon clinic card? - und den Ausweis bereitzuhalten. Eine Welle der Sympathie überspült mich unversehens. Man hat Zeit. Wie ich höre, ist heute ein ruhiger Tag. Dagegen sei es gestern hier ganz unfriedlich zugegangen. Die Angestellte am Schalter begutachtet sogar meine einhändig und halbherzig verbundene Wunde, weil sie zufällig was von Hautsachen verstehe: Verbrennung von der Größe eines alten Fünfmarkstücks, diagnostiziert sie telefonisch. Das ist deeskalierend, finde ich. “Ja, kann die das denn nicht selber verbinden?” bestätigt sie eine Gegenfrage zitierend mich als wehleidiges Altjüngferlein. Dennoch werde ich sogleich abgeholt. Eine junge, hübsche Medizinerin mit schickem blondem Bob und unternehmungslustig unter dem Arztkittel hervorlugenden weißen Glitzerjeans stellt sich mit unbewegter Miene vor: “Ich bin Frau Dr. Müller*, die diensthabende Ärztin.” Ach, denke ich, an der Vorstellung müsste mal gearbeitet werden. Und die Strenge ist wohl dem Bedacht auf Autorität geschuldet - oder dem viel zu langen Wochenenddienst, der sich wie Knast anfühlt, was ich aus berufenem Munde einst erfuhr.

In einem Behandlungszimmer für Augenleiden wird die in der Tat abstoßende Wunde begutachtet, versorgt und endlich ordentlich verbunden. Meine mitgebrachten Salben werden für angemessen befunden. Schnell noch ein Bericht - handgeschrieben, dass ich das noch erleben darf! Und schon bin ich wieder in der gleißenden Maiensonne und schwinge mich aufs Rad, froh, dem zu entrinnen, was die diensthabende Frau Doktor so missmutig stimmte - Pfingsten im Krankenhaus verbringen zu müssen.

Nur ein paar Schritte weiter biege ich in den Schatten des Eppendorfer Parks ein. Hier ist die Welt in Ordnung: Federball und Picknickdecken, Tavli und Kinderwagen. Ein Dunst von schwelender Holzkohle hängt als zarter Schleier über dem buntgesprenkelten Rasen. Fast verschlägt der Rauch mir den Atem. Aber er erscheint mir paradiesisch gegenüber dem Krankenhausgeruch nach Desinfektionsmittel und vermeintlichem Bohnerwachs.

*Name redaktionell geändert

Gunhild Simon
15.05.2008

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