Thumulla.com

Offenbarungen im Baptisterium

Das Baptisterium von St. Nikolai ist ein ungewöhnlicher Raum. [1]

Haushoch streben die Wände empor, deren eine, nach Westen gerichtete, vom Boden bis zur Decke ein gewaltiges Kirchenfenster einnimmt. Von den schräg einfallenden Strahlen der Oktobersonne erleuchtet nimmt es den Blick gefangen. Es ist das berühmte Coesterfenster, das auf wundersame Weise, im Keller des Ateliers verstaubt, den Krieg überdauerte, während von der ihm zugedachten Heimstatt, der alten Nikolaikirche, nur noch eine Turmruine die Hamburger Skyline ziert. Das Kirchenfenster aber wurde zu einem Vermächtnis – einem Schatz, den die Harvestehuder Kirchengemeinde ehrfurchtsvoll hütet und pflegt.

Man kann das Bild des Kirchenfensters als Inbild der Sehnsucht des Menschen nach Trost und Schutz deuten.

Der Erzengel breitet seine mächtigen, nachtblauen Flügel aus, der heilige Georg zwingt triumphierend den teuflischen Lindwurm in den Staub, Evangelisten und fromme Kirchenväter schauen himmelwärts, wo sich, ihnen zuhäupten, Heilige und himmlische Heerscharen um das erleuchtete Christusknd scharen. Mit stummer Gleichmut hält es seine segnenden Hände erhoben, indes zu seinen Füßen, gramgebeugt im Erdendasein, Frauen demütig die Tröstungen Wohlgesinnter empfangen.

Charlotte Schwab ist eine ungewöhnliche Frau.

Sie ist Bühnenschauspielerin und Ermittlerin in einer pöpulären Krimi-Reihe. Alles an ihrer Erscheinung ist dunkel: von den High Heels an schwarzbestrumpften Beinen, darüber das Kleine Schwarze, eine kantige, getönte Lesebrille im Oval ihres feinen Gesichts, bis zum Brünett der aufgesteckten Haare. Das Dunkelste an ihr aber ist ihre Stimme. Eine ausgebildete Stimme, unangestrengt und tragend, eine Stimme, die sich nicht in der Offenheit der hohen Kirchenmauern verliert.

Sie steht an einem bronzenen Pult und liest – konzentriert und diszipliniert. Eine halbe Stunde lang – ohne Stocken, ohne Haspeln, ohne Fehl und Tadel. Es ist ja nicht irgendein Text, nein, es handelt sich um wahrlich Gewichtiges, Bibelworte von sprachlich und inhaltlich ungeheuerlichen Ausmaßen. Sie liest aus der Offenbarung des Johannes, der Apokalypse. [2]

Es ist ein dunkler Text, der strotzt vor Gewaltphantasien, Verdammnis zu ewigen Höllenqualen in Schlünden voll Gluthitze und Grabeskälte. Er bildet einen fast lästerlich anmutenden Kontrast zu all dem, was das Neue Testament an tröstlichen, stärkenden und belehrenden Glaubensbotschaften bereithält. Und so ging eben diese Vision von Gewalt und Zerstörung, die Christenmenschen zu allen Zeiten faszinierte, betörte, abstieß und verstörte, als Apokalypse, Endzeit und Jüngstes Gericht in die Kunst und Literatur ein.

Apokalypse – dafür steht exemplarisch Dürers Holzschnitt der Vier apokalyptischen Reiter. [3] Als Geißeln der Menschheit stürzen sie in die Welt, als Boten des Todes überrennen sie gnadenlos, was sich ihnen in den Weg stellt. Sie sind Metaphern für den Tod in Gestalt von Hunger, Krieg, Pest und – wie es im Bibeltext heißt – von wilden Tieren.

Ihr grausigster Kumpan ist die Figur des Todes selbst. Kaum schritthaltend, doch nicht aufzuhalten kommt er daher als wüster, ausgemergelter Greis. Den dreizinkigen Spieß in der kraftlosen Hand schwenkend reitet er auf einer elenden, rippenstarrenden Schindmähre. Das Bild des falben, fahlen, von tödlicher Farblosigkeit gezeichneten Reittieres ist ein Leitmotiv aus der Offenbarung.

Der Schilderung des Todes gehen die jener Lebensfeinde voran, die in ihrer zerstörerischen Kraft überwältigender erscheinen als der bleckende Tod selbst. Ist ihre wilde, tobende Erscheinung nicht gerade ein Sinnbild für ihre zeitliche Überwindbarkeit im Gegensatz zu der unerbittlichen Gewissheit des Todes?

Uneinigkeit herrscht über den ersten Reiter, einen leidenschaftslos einherreitenden Bogenschützen, getragen von einem Schimmel. Sei es, dass die Ungerührtheit, mit der er den Bogen führt, die Seuche symbolisiert, die Arm und Reich unterschiedslos dahinrafft, indes die Farbe seines Schimmels Metapher für ein Leichentuch ist. Sei es, dass das Weiß des Reittiers die Farbe mittelalterlicher heerführender Königschaft bedeutet. Denn zum Zeichen empfängt dieser Reiter den Siegerkranz.

Der Text bleibt in seiner düsteren Symbolik vom Tod wie in seiner verborgenen Trostbotschaft umstritten. [4]

Die Veranstaltung ist zu Ende. Der Raum leert sich.

Zurück bleiben, festgemauert auf dem steinernen Boden des Baptisteriums, die sakralen Insignien, Taufbecken und Altar. Den herzerreißend geneigten Kopf des Christustorsos an der Wand treffen letzte milde Farbreflexe von Westen. Die gekalkten Wände schmückt eine Ausstellung mit expressiv strukturierten Bildern der Künstlerin Gisela Borck. Im Dämmerlicht flankiert die marmorne Statue des heiligen Ansgar den Eingang zum stillen Kirchenschiff.

Man steht auf dem Kirchhof noch ein wenig zusammen, ein wenig benommen von der Wucht der Worte, ein wenig erleichtert, wieder in der überschaubaren Welt angekommen zu sein. Man plaudert, tauscht Termine und letzte Verabredungen aus. Die Kirchenmänner beider Konfessionen, Veranstalter der Lesung, rauchen in ökumenischer Vereintheit. Charlotte Schwabs bewegende, ein wenig rauchige Stimme schweigt. In einen maigrünen Mantel gehüllt lächelt sie entspannt, eine Zigarette zwischen den Lippen.

[1] Baptisterium heißt Taufraum. Hier werden im kleinen Kreis Taufen gefeiert. Inmitten des Raumes steht ein mächtiger Marmorblock, in den das kupferne Taufbecken eingelassen ist.

Die Wortherkunft erklärt sich aus kirchenlateinisch baptisterium, lateinisch baptisterium = Schwimmbecken, griechisch baptist?rion = Badestube.

Anders als in älteren Kirchen ist das Baptisterium von St. Nikolai nicht in einem Winkel des Seitenschiffs untergebracht, sondern unter dem Turm in der Eingangshalle, die man eintretend durchschreitet, bevor man in den engelhaft gerundeten, der Akustik schmeichelnden Kirchenraum hinabsteigt.

[2] Apokalypse (griechisch: ?p????????, „Enthüllung“, „Offenbarung“) ist eine thematisch bestimmte Gattung der religiösen Literatur, die „Gottesgericht“, „Weltuntergang“, „Zeitenwende“ und die „Enthüllung göttlichen Wissens“ in den Mittelpunkt stellt. In prophetisch-visionärer Sprache berichtet eine Apokalypse vom katastrophalen „Ende der Geschichte“ und vom Kommen und Sein des „Reichs Gottes“.
Wikipedia – Apokalypse

[3] Das Bild der aopokalyptischen Reiter entstand in den Jahren 1497-1498

[4] Der Bibeltext (Offb 6,1-8)

Dann sah ich: Das Lamm öffnete das erste der sieben Siegel; und ich hörte das erste der vier Lebewesen wie mit Donnerstimme rufen: Komm!
Da sah ich ein weißes Pferd; und der, der auf ihm saß, hatte einen Bogen. Ein Kranz wurde ihm gegeben und als Sieger zog er aus, um zu siegen.
Als das Lamm das zweite Siegel öffnete, hörte ich das zweite Lebewesen rufen: Komm!
Da erschien ein anderes Pferd; das war feuerrot. Und der, der auf ihm saß, wurde ermächtigt, der Erde den Frieden zu nehmen, damit die Menschen sich gegenseitig abschlachteten. Und es wurde ihm ein großes Schwert gegeben.
Als das Lamm das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte Lebewesen rufen: Komm! Da sah ich ein schwarzes Pferd; und der, der auf ihm saß, hielt in der Hand eine Waage.
Inmitten der vier Lebewesen hörte ich etwas wie eine Stimme sagen: Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar. Aber dem Öl und dem Wein füge keinen Schaden zu!
Als das Lamm das vierte Siegel öffnete, hörte ich die Stimme des vierten Lebewesens rufen: Komm!
Da sah ich ein fahles Pferd; und der, der auf ihm saß, heißt „der Tod“; und die Unterwelt zog hinter ihm her. Und ihnen wurde die Macht gegeben über ein Viertel der Erde, Macht, zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde.

© blog1.institut1 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von blog1.institut1

Gunhild Simon
Okt 20 2012

Noch etwas Werbung:
Lesebrille bestellen

alle    deutsche Sprache    Gunhild Simon    Startseite(__index)



Thumulla.com    Startseite der Artikel    Links und Werbung    Diskussion    Suche auf dieser Seite