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Opfer - ein Vexierbild

Opferrituale im religiösen Sinn sind von der Idee getragen, der Gottheit wohlgefällig zu sein und sie durch die Opfergabe den Menschen gegenüber wohlgesinnt machen. Rauch- und Brandopfer sollen sie durch ihren Duft erfreuen. Die Abgabe kostbarer und lieblich anzusehender Güter soll sie milde stimmen.

In Kirchen findet man den Opferstock, ein Behältnis, worin Geld gesammelt wird. Hier ist Opfer gemeint als eine mildtätige Gabe, Almosen für Aufträge der Kirche, um Gott wohlgefällig zu sein.

Der christlichen Eucharistie, dem Heiligen Abendmahl als gemeinschaftliche Handlung der Gemeinde, liegt die Vorstellung zugrunde, Gast zu sein am Tisch des Herrn, Brot und Wein zu teilen. Im Brot, der Oblate, erscheint oblatio, ein lateinisches Wort für Opfer.

Aus oblatio, Gabe, ist das Wort Opfer entlehnt. Es hängt seinerseits mit dem lateinischen Verb offerre, übergeben, zusammen, dessen Partizip Perfekt oblatus lautet. In offerre erkennt man französisch offrir und englisch to offer, anbieten, schenken.

In diesen Sprachen differenziert man zwischen den beiden unterschiedlichen Bedeutungen von Opfer durch verschiedene Begriffe: lateinisch victus, der Besiegte, Unterlegene, victimus, das Opfertier, französisch victime, englisch victim für den leidenden Menschen, im Sinne des Erleidenmüssens. Im Französischen unterscheidet man weiterhin zwischen offrande, dem dargebrachten, religiösen Opfer und sacrifice, dem übertragen gebrachten Opfer, im Englischen zwischen sacrifice, Opfer, und offering, dem Dargebrachten, der Gabe. Das Wort sacrifice geht auf lateinisch sacrificium, das “Heiliggemachte”, Geheiligte, Opfer und Opferung als heilige Handlung, zurück.

Das Verb opfern hat seinen Ursprung in der lateinischen Kirchensprache. Ihm liegt neben offerre, das Opfer geprägt hat, lateinisch operari, arbeiten, zugrunde. Operari heißt arbeiten, tätig sein, darin steckt opus, Werk. Es wandelte sich im Kirchenlatein zu der Bedeutung “einer religiösen Handlung obliegen”, schließlich althochdeutsch opfaran, opfern, etwas Gott als Opfergabe darbringen. Die Vorläufer des Wortes Opfer sind ähnlich: althochdeutsch opphar, opfar, mittelhochdeutsch opher, opfer.

Opfer ist im Deutschen ein doppeldeutiger Begriff. Es ist je nach Perspektive unterschiedlich zu verstehen. Ein Opfer bringen ist eine bewusste Einbuße unter Entbehrung oder Entsagung, etwas Dargebrachtes, Ausdruck einer aktiven Tat. Ein Opfer suchen oder haben wollen ist ein Ausdruck für einen Ausgleich, eine Rache, eine Sühne.[1] Opfer sein ist etwas Erlittenes. Zum Opfer werden oder fallen ist etwas zu Erleidendes, Ausdruck eines passiven Geschehens.

Derzeit ist Opfer, authentisch “Opfa” ausgesprochen, der sprachlich reduzierte Prototyp einer Beleidigung, wie sie der Hip-Hop-Szene eigen ist. Diese Sprachform lässt sich aus den plakativ eindimensionalen, unverblümten Raptexten [2] ablesen. Opfer bedeutet Schwächling. Obwohl das Schimpfwort ausdrücklich jenseits von Fäkalsprache und Diskriminierung angesiedelt ist, ist die Verachtung, die darin zum Ausdruck kommt, umso herabsetzender. Dem so Angesprochenen wird vermittelt, dass er sich zum wehrlosen Opfer machen ließe aus Mangel an Körper- und Charakterstärke, wie zum Opfer im Sinne eines chancenlos Unterlegenen, einer leichten Beute. Nach diesem schlichten Denkmuster hat sich der Erniedrigte, Missachtete und Bedrohte diese Rolle selbst zuzuschreiben.

[1] “…da rast der See und will sein Opfer haben” (Friedrich Schiller: Wilhelm Tell)
[2] Magazin Deutsch: Die Sprache des Rap

Gunhild Simon
24.11.2008

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