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Pleonasmus - Anfälligkeit und Verführung

Pleonasmus entstammt dem griechischen pleon, lateinisch plenus, englisch plenty, französisch plein, voll. Pleonasmus heißt figürlich Aufblähung, übertragen Übermaß. Das kann ein Ausdruck fehlender Präzision sein, aber auch eine bewusste Formulierung. Dann ist es ein Ausdruck für eine rhetorische Figur [1], die sich die Verdoppelung zunutze macht, um die Anschaulichkeit zu steigern, der Rede Farbe verleiht.

Überwiegend sind pleonastische Formulierungen Zeichen von Unbedachtheit und Ausschweifigkeit. Deshalb verstimmen sie, wenn klare Formulierungen erwartet werden, ermüden und lullen ein, wenn präzise Wortwahl voranbrächte.

Pleonasmen sind ein allgegenwärtiger, kaum wahrnehmbarer Bestandteil der Umgangssprache. Hier geht es mehr um Höflichkeit - ausgedrückt durch Small-Talk, Leerformeln und Alltagsfloskeln.

Achtsamer und bewusster Umgang mit Sprache heißt, inhaltsleere, selbstreferentielle Überflüssigkeiten - Worthülsen - zu vermeiden.

Als versteckte Versuchungen dazu bieten sich Wörter an, die die Art, wie ein Tun zu verstehen ist, verkörpern. Verknüpft man diese wiederum mit einem Modalverb, so entsteht ein Pleonasmus, der inhaltlich keine zusätzliche Erhellung einträgt.

Zur Verdeutlichung führe ich Beispiele syntaktisch korrekter Sätze an, deren Einsatz sinngleicher Wörter zu einer überflüssigen Häufung führt. Dass diese Sätze inhaltlich nichtssagend - phrasenhaft - sind, ist ein bewusster Nebeneffekt.

- Ich bitte um die Erlaubnis, mich entfernen zu dürfen.
- Ich sehe die Möglichkeit, Ihnen interessante Persönlichkeiten vorstellen zu können.
- Ich sehe mich in der Lage, Ihnen interessante Phänomene erklären zu können.
- Ich habe den Auftrag erhalten, Ihnen wegweisende Einrichtungen zeigen zu sollen.
- Es ist meine Pflicht, Sie mit unangenehmen Umständen konfrontieren zu müssen.

- Ich mache von dem Recht Gebrauch, von diesem Umstand nicht Kenntnis nehmen zu brauchen.
- Ich habe die Berechtigung erhalten, diese Tatsache in Rechnung stellen zu dürfen.
- Ich verbinde damit das Begehren, Sie mit diesen Fakten vertraut machen zu wollen.
- In mir ist der Wunsch erwacht, in diese Problematik eingeführt werden zu wollen.
- Ich habe den Mut, die Aufstellung dieser neuartigen These zu wagen.
- Ich stelle die Forderung, die Einführung dieses Modellversuchs zu verlangen.
- Ich habe die Vision, eine Änderung dieser Zustände zu erhoffen.
- Ich ergreife die Initiative, die Umsetzung dieses Projekts zu beginnen.
- Ich bin in Verlegenheit, diese Problematik transparent machen zu müssen.
- Ich nutze die Gelegenheit, Sie mit dieser neuartigen Einrichtung vertraut machen zu können.
- Ich sehe mich gezwungen, Sie von diesem Umstand in Kenntnis setzen zu müssen.
- Ich bitte um die Genehmigung, dieses Projekt vorstellen zu dürfen.

Alle diese Sätze würden ihre Aussageabsicht durch einen Verzicht auf den Pleonasmus nicht einbüßen.

Im Gegenteil, durch die pleonastische Verdoppelung kommt genau besehen eine Unlogik zustande, die den eigentlichen Inhalt konterkariert. Denn es ist inhaltsleer und widersinnig, das Dürfen zu erlauben, eine Möglichkeit zu können oder einen Wunsch zu wollen. Modalverben heißen so, weil sie die Art und Weise eines Tun näher beschreiben - sie sind selten das Tun selbst. [2]

Alle diese Sätze würden dagegen an Aussagekraft gewinnen, wenn man das Verb am Schluss striche und sich auf die Aussage des inhaltlich tragenden Verbs [3] verließe.

[1] Magazin Deutsch: Rhetorische Figuren – ein Begriff, der nur vordergründig Rätsel aufgibt

[2] In solchen Fällen handelt es sich um eine Verkürzung, z. B. müssen, dürfen, können: “Musst du mal?” “Kann ich mal die Butter?” “Darf ich Süßigkeiten?”

[3] In einigen Beispielen müsste dazu das Verbalsubstantiv wieder auf seine eigentliche Form, das Verb, reduziert werden, z. B. aufstellen, einführen, ändern, einleiten, aufgefordert sein.

Gunhild Simon
19.11.2008

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