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Reverenz und Referenz

Die Ähnlichkeit der beiden Fremdwörter Reverenz und Referenz im Hör- und Leseverstehen legt eine Untersuchung der Frage nach ihren Gemeinsamkeiten nahe. Sind sie vielleicht trotz – oder sogar gerade wegen ihres minimalen Unterschieds grundverschieden in ihrer Aussage? Diese Frage kann eine grammatische und semantische Analyse klären.

Reverenz bedeutet Ehrerbietung, Ehrenbezeigung, Verbeugung – Referenz dagegen Auskunft, Empfehlung, Bezugnahme.

Fraglos hat ihre Ähnlichkeit etwas mit ihrer Herkunft zu tun. Beide sind lateinischen Ursprungs, haben dieselbe Vorsilbe re-, zurück-, und gründen sich auf dieselbe Wortform, eine Substantivierung mit der Endsilbe -entia, die in deutschen Fremdwörtern, oft über die französische Endung -ence als -enz adaptiert wird, z. B. Abstinenz, Konsequenz, Korrespondenz.

Substantiven dieser Gestalt liegen infinite Verbformen zugrunde.

So findet sich zu Reverenz als verwandtes Wort Reverend, eine Bezeichnung für “Hochwürden”, aus reverendus (Gerundivum, “der zu Verehrende”), der Titel eines Geistlichen in angelsächsischen Ländern.

In Referenz erkennt man référence, schließlich referre, berichten, vortragen (referens, berichtend, Partizip Präsens ). Dagegen verbirgt sich in Reverenz reverentia, Ehrfurcht, zu revereri, verehren (Gerundivum reverendus).

Aus Referenz leiten sich folgende Begriffe ab:

– referieren, vortragen,

– Referat (zu referat, er berichte, 3. Person Konjunktiv I), Berichterstattung, Vortrag

– Referent, Vortragender

– Referendar, der Anwärter, »der zu berichten hat«

– Referendum, Volksentscheid aus referendum (Gerundivum »das zu Berichtende«)

– ad referendum, zur Berichterstattung ( Gerundium, »zum Berichten«).

Es zeigt sich, dass sie alle etwas mit Rede und Rhetorik zu tun haben. Daraus erschließt sich auch ein Begriff mangelhafter Rhetorik, »selbstreferenziell«, nämlich statt Argumente anzuführen, sich in einer Art Leerformel selbst zu zitieren, auf sich selbst zu berufen.

Bei der Gegenüberstellung der beiden Fremdwörter Reverenz und Referenz zeigen sich zwar formale Gemeinsamkeiten. Inhaltlich jedoch verbindet sie nichts. Deshalb muss man sie in Wort und Schrift sorgfältig unterscheiden.

Ein weiteres ähnlich klingendes Fremdwort lautet Revers. Es hat zwei Bedeutungen, die sich in Genus und Ausprache unterscheiden. Unter das Revers versteht man einen Um- oder Aufschlag an Kleidungsstücken als optisch gewollten Effekt. Dagegen ist der Revers eine juristische Verpflichtungserklärung.

Das Revers ist französich und bedeutet soviel wie Rückseite, abgeleitet vom lateinischen revertere, umkehren, -wenden. Es hat also figürliche Bedeutung bei »Kragen«. Der Revers ist aus dem lateinischen Adjektiv reversus, umgekehrt, abgeleitet. Seine Quelle ist das mittellateinische Wort reversum, Antwort. Es hat heute die Bedeutung »Verpflichtungsschein«. Bei diesen beiden ist die unterschiedliche Aussprache zu berücksichtigen, die bei »das Revers« französisch, also ohne hörbares /s/ am Schluss lautet, während das Schriftstück »der Revers« sich als lateinisches Fremdwort versteht und lautgerecht ausgesprochen wird.

Gunhild Simon
30.06.2009

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