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Rosen blühen im Hag …

Hecke, Hag und Hain - den dreien scheint zunächst nichts anderes gemein zu sein als der Anfangsbuchstabe. Dennoch haben sie eine gemeinsame Wurzel und Grundbedeutung. Eine Gemeinsamkeit aller ist, von Menschenhand angepflanzt zu sein. Sie werden gehegt und gepflegt, und ihnen ist als Einfriedung, Einhegung, Gehege gleichzeitig die Aufgabe zugeschrieben zu befrieden, zu schützen.

Die Hecke ist ein natürlicher Zaun, Windschutz, Nistort und Zuflucht für die kleinen Tiere des Feldes, anschaulich als Knick zwischen den Wiesen und Feldern Schleswig-Holsteins. Wo diese Knicks den Anforderungen der landwirtschaftlichen Maschinenmonster weichen mussten, wie auf den weiten Anbauflächen der ehemaligen DDR, hatten Wind, Schnee und Schädlinge leichtes Spiel mit Saat, Ernte und Ackerkrume.

Dornenhecken sind der Lebensraum allerlei kleinen Getiers, das sich darin unbeschwert bewegt: Singvögel, kleine Vierbeiner, Schnecken und Insekten. Ein nach außen undurchdringliches Gewirr aus Zweigen und Ranken hält unliebsame Eindringlinge ab, gibt Deckung und Nahrung. Sie bestehen aus Heckenrosen und Hagebutten, Schwarzdorn und Schlehen, Weißdorn und Mehlbeeren, auch Hagedorn genannt, Brombeeren, Holunder und Wildobst. All dieses Buschwerk ist zur Zeit von Blüte, Belaubung und Frucht eine wahre Augen- und Futterweide und ein Ort ungestörten Nistens und Brütens.

Brüten heißt auch hecken. Das Wort hat seinen Ursprung in diesen Vogelhecken. Vögel und Hecken, mittelhochdeutsch hecke, althochdeutsch hegga, englisch hedge, gehören bedeutungsmäßig eng zusammen. Das Verb hecken, brüten, ist eine Nebenform von hacken und beschreibt das Hacken mit dem Schnabel, das ein ausgebrütetes Küken beim Schlüpfen veranstaltet. In übertragener Bedeutung ist aushecken das “Ausbrüten”, das Ersinnen eines schelmischen Anschlags.

Hag, mittelhochdeutsch hac, Dornengesträuch, Gebüsch, Gehege, althochdeutsch hag, Einhegung, Stadt, ist ein heute ungebräuchliches Wort. Dornenhecke, Rosenhag - das scheint etwas Kostbares zu hegen: Vor dem innere Auge ersteht das Bild des schlummernden Dornröschens inmitten eines rosenumrankten Schlosses, das von Maria im Dornwald, Maria im Rosenhag. Manch anderer erinnert sich gar einer allegorischen Chansonzeile: “… und im Hag - rochen Rosen nach Aas.” [1]

Schon von alters her bot sich auch eine Einfriedung durch Feldsteine an. Indem das Land urbar gemacht und dabei von Steinen befreit wurde, wurden daraus lose Mauern zur Eingrenzung des Gevierts aufgeschichtet - ein typisches Bild irischer oder mediterraner Kulturlandschaft. Auch der Uferdamm, die gemauerte Steinumwallung eines Hafenbeckens, der Kai, ist sprachgeschichtlich mit Hag verwandt. Kai, englisch quay, französisch quai, ist keltischen Ursprungs: cae war das Gehege, mittelbretonisch kae, die Dornenhecke, und gallisch caio, die Umwallung.

Viele Namen von Ortschaften und Familien spiegeln einen Bezug zum Hag, einer Einzäunung, der gerade die Dörfer bedurften, um sich gegen Feinde und Fremde zu schützen. Der Name Hagen, die Nachsilben -hagen und -häger - Boltenhagen, Uchtenhagen, Steinhäger - sind weitverbreitet.

Die Weißbuche weist in ihren beiden anderen Namen zweifach auf Hag und Hain hin: Sie heißt Hagebuche und Hainbuche. Zwar ähnelt die Hainbuche, carpinus betulus, äußerlich, in Blatt und Rinde, einer Buche. Sie ist jedoch mit der Birke verwandt. Das erweist sich an Blüten- und Samenständen. Der andere Wortteil aber, Hage- oder Hain- gibt einen Hinweis auf ihre Nutzung. Diese Art eignet sich wegen ihrer dichten Belaubtheit und ihres langsamen Wachsens besonders zur Anpflanzung von Hecken. Das Adjektiv hanebüchen, abwegig, beschränkt, “durch eine Hainbuchenhecke begrenzt”, hat hier seinen Ursprung.

Hagestolz, die scherzhafte Bezeichnung für einen ungeselligen Junggesellen, enthält das Wort Hag. Den Hagestolz zwang weder Stolz noch Lebensunlust in den Stand der Ehelosigkeit. Das Ursprungswort bedeutet eigentlich Hagbesitzer, mittelhochdeutsch hagestalt, “bestallt mit einem eingehegten, umfriedeten, Nebengut”. Das geschah aus der Notwendigkeit, das eigentliche Bauerngut ungeteilt dem Ältesten zu überlassen, so dass für den Jüngeren kein ertragfähiger Hof blieb, der es ihm erlaubt hätte, einen Hausstand und eine Familie zu gründen. Er musste sich mit dem umsäumten Hag begnügen. [2]

Sogar der sprachliche Ursprung von Hexe wird bei Hag vermutet. Die Grundbedeutung ist Walddämonin. Hexe weckt die Vorstellung einer zerzausten, verkrüppelten Gestalt, begabt mit mystischen Kräften.

An einem verwunschenen Ort inmitten eines exotischen Kräutergärtchens haust in einem verborgenen, krummen Hexenhaus, Abgründiges siedend und brauend - Fröschebein und Krebs und Fisch - ein verhutzeltes Weiblein - die Kräuterhexe. Auch “Rapunzels” eifersüchtig wachende Stiefmutter hegt einen geheimen Garten. Ihr türloser Hexenturm ist von mächtigen Dornen umwuchert. Und selbst die anmutigen Kletterrosen, die das Dornröschenschloss unzugänglich umgeben, sind Hexenwerk - das der bösen, der 13. Fee, die spinnend im obersten Turmzimmer darauf geharrt hatte, ihren Fluch zu vollenden.

Die Hexe, englisch hag, ist mittelhochdeutsch die hecse, althochdeutsch hagzus, das erinnert an die “im Hag Sitzende”. Im Altisländischen heißt Hexe tunrida, Zaunreiterin. In diesem Namen kommt auch der Gedanke Hag, Gehege in tun, Zaun, zum Ausdruck. Eine andere Konnotation von Hexe, englisch witch, ist die Vorstellung des zauberischen Fliegens: Hexen, nächtens auf Besen durch die Lüfte reitend, um Unheil zu bringen - verschwörerische Wetterhexen: When shall we three meet again? [3]

Eine Variante zu Hag und Hagen ist Hain [4], ein graziles, gefälliges Lustwäldchen in der Art einer Granatapfel-, Pinien- oder Olivenanpflanzung. Haine waren durch die besondere Gegenwart einer Gottheit geheiligte Orte. Deshalb wurden sie ihnen als Weissagungs- und Opferstätte gewidmet. In der griechischen Mythologie spielten solche Götterhaine eine besondere Rolle - der Artemishain zu Ephesos, der Eumenidenhain am Kolonos bei Athen. Aphrodite wurde unter der Myrte verehrt, Zeus im Eichenhain zu Dodona, Pan unter Pinien. Das Orakel von Delphi, dem Gott Apollo geweiht, befand sich in einem heiligen Lorbeerhain. Poseidon war der Fichtenhain zugeeignet, wie er in Schillers Ballade “Die Kraniche des Ibykus” [5] lebendig wird:

Schon winkt auf hohem Bergesrücken
Akrokorinth des Wandrers Blicken,
Und in Poseidons Fichtenhain
Tritt er mit frommem Schauder ein.

[1] youtube.com: Franz-Josef Degenhardt - Wölfe mitten im Mai

[2] Magazin Deutsch: Etymologie – Hauptseite

[3] Die Brück’ am Tay

[4] Ist der Wald diffus und chaotisch, so überwiegt im Heiligen Hain das Licht. Hier trifft ein orientalischer Topos das deutsche Gemüt. Der Hain ist ein »gehegter Wald«, eine Variante von Hag und Hagen. Das Bedrohliche ist gebannt, die Götter erhalten menschliches Maß. Luther übersetzt im ersten Buch Mose: »Also erhub Abram seine Hütten | kam und wonet im Hayn Mamre | der zu Hebron ist | Vnd bawet daselbs dem HERRN einen Altar.« Der Hain gibt dem Nomaden den ersten festen Wohnsitz. Vermutlich war es eine fruchtbare Oase oder ein geschütztes Tal mit genügend Raum für die Viehherden seiner Sippe …
lammla.de: Prosa

[5] literaturwelt.com: Friedrich von Schiller - Die Kraniche des Ibykus

Gunhild Simon
17.12.2008

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