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Schierlingsbecher und Aussteuer – gefürchtete und geliebte Gaben

»Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.«
(Von guten Mächten treu und still umgeben, Nr.65, Evangelisches Gesangbuch, Hamburg)

In dieser Liedzeile Dietrich Bonhoeffers steht die Metapher des Giftbechers für den bevorstehenden Tod – umgedeutet im Angesicht seines unabwendbaren Endes in ein Bild voller Gottvertrauen. Der unerschrockene Theologe wurde 1945 von den Nazis hingerichtet. (weitere Informationen zu Dietrich Bonhoeffer: Wikipedia – Dietrich Bonhoeffer – Hinrichtung)

Sokrates, der griechische Philosoph, wurde zum Tod durch den Giftbecher verurteilt. Seine Hinrichtung war eine Vollstreckung durch eigene Hand, ein bedingungslos zu erfüllendes Schicksal. Daher ist der Schierlingsbecher ein Bild für unfreiwilliges Abtreten, zugleich ist der mit Bitterkeit bis zum Rand gefüllte Becher ein Bild für in Demut und Würde Angenommenes.

Am See

Am See
Fotograf: Angelika – (c) PixelQuelle.de

Der Gefleckte Schierling, Conium maculatum, enthält in allen Pflanzenteilen, besonders im Samen, giftige Alkaloide, deren wichtigstes das scharf schmeckende und unangenehm riechende Coniin ist. Im antiken Griechenland wurde dieses Gift einem Trank beigemischt, der einem zum Tode Verurteilten gereicht wurde. Sokrates wurde mit einem solchen Schierlingsbecher hingerichtet.

Dies ist jedoch kein klassischer Fall der Verabreichung von Gift. »Tod-beeile-dich« ist eine gebratenem Essen beigemischte Substanz aus geraspelten Tierhaaren, der nachgesagt wird, sie zerstöre den Verdauungstrakt – schleichend aber nachhaltig; es sei der Stoff, mit dem die exotische Hausfrau diskret den ungeliebten Tyrannen beseitigte. Ob wahr oder nicht, es werden die klassischen Merkmale eines Giftes beschrieben, unauffällig, nicht wahrnehmbar, kaum nachweisbar, gespendet aus vermeintlich vertrauenswürdiger Hand.

Gift ist eine Substanz, die je nach Lebewesen und dem ihm eigenen Stoffwechsel unterschiedliche Auswirkungen hat. Zwar tötet Strichnin Ratte, Hund, Katze und Mensch unterschiedslos durch qualvolles inneres Verbluten, aber die in der Natur vorkommenden Gifte werden unterschiedlich rezipiert. Der Hund verarbeitet unbeeindruckt Stoffwechselgifte, wie sie beim Verwesungsprozess entstehen, während die hungrige Katze naserümpfend verzichtet. Die Schnecke labt sich ausgiebig am Grünen Knollenblätterpilz, während der Mensch, Opfer der gefährlichen Amatoxine und Phallatoxine, unrettbar verloren wäre.

Gift ist der Inbegriff von Heimtücke, wenn es – unmerklich in Geruch, Geschmack, Substanz oder schleichend in der Dosierung – verabreicht wird. Die Angst vor Vergiftung durch fremde Hand, Gabe unter dem Deckmantel vertraulicher, familiärer oder freundschaftlicher Besorgtheit, war wohl immer schon größer, als die Sorge sich selbst zu vergiften. Denn zu Zeiten geringerer gerichtsmedizinischer Kenntnisse als heute war der Giftmord eine Methode, sich unliebsam oder überdrüssig gewordener Konkurrenz unblutig zu entledigen.

Gift ist zunächst eigentlich nur das Gegebene. Dahinter verbirgt sich jedoch die Niedertracht der verborgenen Nachstellung. Es ist genau betrachtet ein Euphemismus, eine Beschönigung, der hinter Gabe, Verabreichung, griechisch dósis, die niedrigen Motive verbirgt. Ein ähnlich verhüllender Ausdruck für Gift findet sich im Französischen und Englischen, poison, entstanden aus lateinisch potio, Trank.

gift hat im Englischen die Bedeutung Geschenk, Gabe, sie geht unmittelbar aus dem Verb to give hervor.

Während aber Gift den Geschmack von Siechtum, Schmerz und Tod hat, ist Mitgift ein Ausdruck für Blüte, Wachstum und Wohlstand.

Mitgift ist der Name für die Aussteuer der Braut. Auch sie wird dargereicht. Die Morgengabe wird nachgereicht; nach germanischem Recht das Geschenk, welches der Gatte seiner Frau nach der Brautnacht als Entgelt für die Jungfernschaft übergibt.

Mitgift – das Mitgegebene – ist das Vermögen, das der Braut mit in die Ehe gegeben wird. In bäuerlichen Gesellschaften hat die Mitgift die Funktion, mit der Verbindung den angemessenen Besitzstand herzustellen, zu erhalten, zu mehren. Wirtschaftlich gesehen ist dies im Interesse beider Ehepartner.

Neben Mitgift findet sich im Schweizerischen die Bezeichnung Handgift, »Handgabe«. Dies bedeutet Schenkung im juristischen Sinn. So lässt sich auch die volkstümliche Wendung »mit warmer Hand geben« deuten.

Das Gift und die Mitgift gehen von demselben Kern, der Gabe, aus. Beide trennt formal neben der Vorsilbe das unterschiedliche Genus. Während das Wort Gift als Euphemismus für »tödliche Dosis« zu verstehen ist, zeigt sich in dem Wort Mitgift die Ursprungsbedeutung, das Mitgegebene.

Gunhild Simon
25. Januar 2007

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