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Schlichter Klang und verschlungene Wurzeln: Leid oder leid?

Es ist ein Wort, das durch die Rechtschreibreform in den Blickpunkt geriet. Denn nun ging es darum, eine nunmehr an dem Substantiv Leid orientierte Großschreibung des nur noch unveränderlich und in festen Verbindungen vorkommenden Wortes leid zu rechtfertigen.

Musste man es nicht zwangsläufig als verblasstes Substantiv wahrnehmen, da es als Adjektiv in Vergessenheit geraten war?

Das rief die Etymologen unter den Reformgegnern auf den Plan. Und auch das Sprichwort “Alter und Armut sind leide Gäste.” macht nachdenklich. Es scheint naheliegend, dass in den Fügungen leid tun, leid sein/werden das Substantiv Leid steckt, wie etwa in denjenigen, die es unmittelbar eröffnen: (großes) Leid tragen/antun/ zuleide tun, ein Vorgehen, das wiederum zu dem Verb leiden führte. Denn alles Angeführte hat ja einen Beiklang von negativem Erleben, Schmerzerduldung und -verursachung.

Tatsächlich könnten in dem Substantiv das Leid, dem Verb leiden, dem zum Adverb erstarrten ehemaligen Adjektiv leid und dem Komparativ, dem Adverb leider, unterschiedliche Wurzeln die Schreibung beeinflussen.

So spricht etymologisch alles dafür, dass das Verb leiden nichts mit dem dem Substantiv Leid zu tun hat. Das Verb leiden und seine Substantivierung Leiden haben die ursprünglichere Bedeutung von ziehen, reisen, führen. Darauf deuten das englische to lead und die Kausativbildung leiten hin. Dafür spricht die christliche Auffassung des Lebens als Reise durchs irdische Jammertal zum erlösenden Ziel: ” … wo alles Leiden endet” (H. Heine).

Das verblasste deutsche Adjektiv leid erscheint in dem französischen laid, hässlich, unangenehm. Es ist mit den Franken ins Französische eingewandert. Die ursprüngliche Bedeutung hat sich in der Ableitung leidig und ganz unverändert im schweizerischen Dialekt erhalten. Hier steht ein leider Mensch für einen bösartigen Menschen, und in der Gerichtssprache ist dies als Wendung fest verankert: “Der Angeklagte ist kein leider Mensch“.

Wenn uns in der Lyrik die folgenden Formen begegnen: “Herr, schicke was du willt, ein Liebes oder Leides. ” (Eduard Mörike) oder “Erlkönig hat mir ein Leids getan” (J.W.Goethe), handelt es sich folglich nicht um genitivische Formen sondern um Substantivierungen nach dem Muster: gut - das Gute - Gutes, lieb - das Liebe - Liebes, leid - das Leide - Leides.

Das Verb leiden und die Substantivierung das Leiden leiten sich also ab aus einer Auffassung von Führen und Leiten, während das Adverb leid und das Substantiv Leid aus der Bedeutung etwas Unangenehmen hervorgegangen sind.

Gunhild Simon
7.05.2008

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