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Sehr – Partikel mit fast verwischten Spuren

Sehr ist eine Partikel. Man kann sie Grad-, Abtönungs- oder Verstärkungspartikel nennen. Eine Partikel ist in der Grammatik ein “Teilchen”, ein Wort, das nicht veränderbar ist. Als Adverb kann sehr ein anderes Adverb, ein Adjektiv, aber auch Verben und Partizipien, begleiten und inhaltlich verstärken oder relativieren.

Als Verstärkung von Adjektiven ist das Wort alltäglich: sehr schön, sehr heiß, sehr jung. Oder verneint: nicht sehr kalt, nicht sehr alt oder nicht sehr schnell.

Welches Adverb zu Verben paßt, hängt in großem Maß von ihrem Inhalt ab Ist er sinnvoll qualitativ zu verstärken, tritt “sehr” als Adverb mit der Bedeutung “stark” auf. Das betifft natürlich besonders Verben, die etwas über Gefühle aussagen, denn die lassen sich verstärken oder abschwächen. Man kann jemanden sehr oder nicht sehr beneiden, lieben, leiden können, hassen, ablehnen, beeindrucken, jemandem entgegenkommen, jemanden für sich einnehmen, jemanden abstoßen, kränken oder verletzen. Man kann sich sehr freuen, ärgern oder wundern. Auch andere Verben, deren Intensität man beschreiben will, lassen sich mit “sehr” verstärken oder mit “nicht sehr” abschwächen. Man kann sich folglich sehr beeilen, anstrengen oder sich sehr verspäten. Dagegen ist *sehr fahren, gehen, lesen, schreiben oder essen vergleichsweise widersinnig, denn diese Verben werden auch nicht mit dem Synonym “stark” verstärkt. Dagegen werden sie durch ein Adverb, das ihre besondere Qualität beschreibt, begleitet: z. B. schnell fahren, langsam gehen, genau lesen, schön schreiben, gut essen, scharf sehen.

Es existiert keine Verneinung, die *unsehr heißen könnte. Einschränkungen oder Verneinungen werden durch entsprechende Partikeln ausgedrückt: fast, kaum, etwas, gar nicht.

Dass sehr eine eigene Bedeutung hatte, abgeleitet von einem untergegangenen Verb “sehren”, gerät wegen des Allerweltsworts, das es heute ist, in Vergessenheit.

Erhalten ist sehr nämlich noch in versehren, verwunden, am lebendigen Leib beschädigen – übertragen Vertrauen, Hoffnung, Seele, Würde versehren. Als Partizip ist es in kriegsversehrt, verneint in unversehrt, heil, gesund geblieben, unbeschädigt erhalten, z. B. unversehrte Wohnung, unversehrt bleiben.

Das Adverb sehr bedeutete demnach ursprünglich wohl verletzt, wund. Das ist ersichtlich in der althochdeutschen Variante ser, wund, das auch in dem englischen Adjektiv sore, wund, erscheint. Auch im Dänischen zeigt sich diese Verbindung. Da gibt es die Wurzel ebenso: sår/saar, Wunde, såre/saare, verwunden. [1]

[1] vergl. auch: http://germazope.uni-trier.de/Projekte/WBB2009/DWB//wbgui_py

Gunhild Simon
Mai 28 2011

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