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Spindel und Wirtel

Dornröschen war es durch den Fluch der 13. Fee bestimmt, sich an ihrem 15. Geburtstag an einer Spindel zu stechen.

Ihre königlichen Eltern ließen daher alle Spinnräder im ganzen Schloß entfernen. Nur eines hatten sie übersehen. Es stand in der Dachkammer des abgelegensten Turmes, und eine alte Frau saß daran und spann, als das Mädchen auf seinem Streifzug durch das Schloss auf sie stieß.

Da erfüllte sich der Fluch, mit dem es belegt war. Es stach sich bei der neugierigen Untersuchung des unbekannten Spinnrads und das ganze Schloss fiel mit ihm in einen hundertjährigen Schlaf.

In Wahrheit ist eine Spindel kein hochgefährliches Gerät. Sie ist die Garnspule, auf die sich beim Spinnen das Garn aufwickelt. Dazu wird das Rohmaterial, Tierwolle, Baumwoll-, Hanf- oder Flachsfasern, auf einen rotierenden Stab, den Rocken, gewickelt, von dem es sich beim Verspinnen nach und nach abziehen lässt, um unter Spannung durch die zwirbelnden Finger der Spinnerin zu gleiten.

Die so gezwirnten Fasern werden auf eine weitere rotierende Rolle, die Spindel, aufgespult. Durch die ebenmäßige Drehung der Spindel, die auf einem Sockel, dem Wirtel, schwebt, wickelt sich der Faden zu einem Kegel auf, in dessen Rotationsachse die Spindelspitze aufragt. [1]

Das Spinnrad ist die technische Vorrichtung, die über Räder die Spulen antreibt. Ähnlich wie bei der mechanischen Nähmaschine wird dieses Zusammenspiel sich drehender Mechanik durch ein Schwungrad mit dem Fuß angetrieben, dessen Kraft sich auf die Spulen überträgt.

Der Vorgang des Spinnens ist also mit vielfachen, notwendig gleichmäßigen Drehbewegungen um eine Achse verknüpft. Das schlägt sich bei genauer Betrachtung in der dazugehörigen Terminologie nieder.

Sie gilt der Spindel und ihrem Unterbau, dem Wirtel.

Dass die Spindel zum Spinnen gehört, liegt auf der Hand. Während Handspinnen noch die direkte Übertragung des zu Verspinnenden vom Rocken auf die Spindel ist, ist das Spinnrad bereits Ausdruck komplizierterer Technik, die sich die Kraftübertragung und die Gleichmäßigkeit, die eine Mechanik leisten kann, zunutze macht.

Die Spindel ist die rotierende Garnspule, ein hohler Stab, auf den sich beim Spinnvorgang der fertige Spinnfaden spiralig aufspult. Diese Umspulung vom Rocken auf die Spindel muss mit großer Gleichmäßigkeit erfolgen, damit auch der Faden ebenmäßig gestaltet wird. Dafür wurde die Mechanik des Spinnrads entwickelt. Es gewährleistet, dass das Garn sich auf der Spindel zu einer ausgewogenen Pyramide aufbaut.

In Spindel steckt ’spinnen’. In dem englischen Verb to spin, drehen, ist es unmittelbar erkennbar. Spinnen heißt also im engeren Sinne ‘einen Faden drehen’. Im weiteren Sinne heißt es winden. Das Wort gehört ursprünglich zu der Wortgruppe um ’spannen’, ein konstituierender Bestandteil des Spinnens. Danach enthält das Verb die zwei sinngebenden Bestandteile winden und spannen.

Ein weiterer mechanischer Teil des Spinnrads, aber auch der Handspinnerei, ist der Wirtel. Das ist eine keisförmige Scheibe, die sich um ihre Achse dreht und mit ihrem Gewicht der darüber rotierenden Spindel Schwerkraft verleiht und den versponnenen Faden am Abgleiten hindert.

Auch in Wirtel steckt das Verb winden, deutlicher noch wirbeln. Sie alle – winden, wirbeln, zwirbeln – bedeuten drehen. Das damit verknüpfte Substantiv Wirbel steht unmittelbar in Verbindung mit Wirtel. Wirbel steht für unterschiedliche Dinge, denen allen jedoch eine Anmutung des Drehens um eine Achse gemeinsam ist: der Rückenwirbel, der Luftwirbel – “Wirbelwind” – und der Haarwirbel. Die Rückenwirbel, die zusammen die Wirbelsäule bilden, sind durch knorpelige Gelenkscheiben, die Bandscheiben, zu einer beweglichen und zweckmäßig drehbaren und biegsamen Einheit bei Wirbeltieren verbunden, die auch uns Menschen vielfältige Beweglichkeit erlaubt.

Wie der Wirtel ist jeder einzelne Wirbelknochen in der Mitte durchlöchert, um das Rückenmark, die Nervenbahnen zwischen Gehirn, Gliedmaßen und Organen zu beherbergen. Wie beweglich die Wirbelsäule rotieren kann, erkennt man an der schier unglaublichen Rundumdrehbewegung des Eulenhalses. Der Fußknöchel, an den die Beweglichkeit des Fußes geknüpft ist, nennt sich mundartlich auch Wirtelbein, “Fußzwirbel”. [2]

Spindel und Wirtel bieten Anlass für bemerkenswerte Übertragungen.

Die Spinne produziert einen Spinnfaden, den sie statt aufzuwickeln, “abwickelt” und schließlich zu Netzen verwebt. [3]

Die Metapher ’spinnefeind’ erwächst aus der Beobachtung, dass einige Spinnenarten wie die “Schwarze Witwe” – ihren männlichen Partner nach der Paarung auffressen.

Das Adjektiv ’spindeldürr’ bezieht sich auf die dünne Beschaffenheit des Stäbchens, das als Spindel das innere Gerüst, das”Skelett”, der Garnspule bildet.

Unter spindelig versteht man drehwüchsig. Das betrifft manche Gehölze wie Olive, Weinstock oder Hainbuche oder dem Wetter ausgesetzte Bäume, deren Holzfasern nicht parallel, sondern ‘windflüchtig’, gewunden wachsen, was sie für die Schreinerei nach herkömmlichem Maßstab unbrauchbar macht, jedoch besondere Maserungen und pittoreske Formen in alten Fachwerken und Giebeln hervorbringt.

Auch ein Pilz mit dem demonstrativen Namen spindeliger Rübling, zeichnet sich durch diese Eigentümlichkeit aus. Er wächst mit Vorliebe auf Totholz und muss sich durch den harten Untergrund ans Licht schrauben.

In der Botanik wird beim Blattstand der Vergleich zum Wirtel gezogen. Das hat Begriffe wie wirtelförmig, wirtelständig, also quirlähnlich wie beim Schachtelhalm, hervorgebracht.

In der Architektur nennt sich der Schaftring einer Säule Wirtel. Das ist der Ring, der den Fuß der Säule umgibt. Es ist das ringförmige Fundament einer Säule, die den Eindruck ihrer Standfestigkeit vermittelt.

[1] Wikipedia – Handspindel

[2] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm – Wirtel

[3] blog.institut1: Spinnen – die unheimlichen Krabbeltiere

Gunhild Simon
Nov 07 2010

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