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Verwandtschaftsbilder

Versöhnung, Aussöhnung, versöhnen oder aussöhnen, bedeutet Verzeihung und Vergebung, Überwindung einer inhaltlichen, politischen oder historischen Kluft, Fremdheit oder Schuld.

Durch Versöhnung wird ein Graben zugeschüttet, die Feindschaft begraben, die Störung der Beziehung überwunden. Versöhnung ist gleichsam ein Verzicht auf Sühne ohne Ansehen von Schuld.

Dieser Inhalt ergibt sich aus dem darin enthaltenen Begriff des Sohns. Wie man einem Kind verzeiht, dem biblisch sprichwörtlichen “verloreren Sohn” rückhaltlos vergibt, so ist Versöhnung zu verstehen. Wie ein Vater den Sohn in die Arme schließt, so nähert man sich durch eine Versöhnung einander an. Im Idealfall stehen die Ausgesöhnten füreinander ein.

Diesen in Versöhnung enthaltenen Begriff Sohn, Inbegriff engster Familienbande, nimmt man nur bei genauerem Hinsehen zur Kenntnis. Er ist Ausdruck des Annäherungsprozesses nach einer tiefen Spaltung, er ist in Sohn enthalten. Die Wortfamilie um das Verb versöhnen hat sich gegenüber ihrer Herkunft verselbständigt, sodass Sohn als metaphorische Quelle schon verblasst ist.

Ein anderes Verb, das sich metaphorisch auf eine enge verwandtschaftliche Beziehung stützt, ist sich verbrüdern. Es bedeutet sich füreinander einsetzen, miteinander Widerstände durchstehen, zueinander stehen, füreinander einstehen. Die Verbrüderung meint aber eine andere Form der Zugehörigkeit. Bei Geschwistern geht geht man von gleichen Voraussetzungen aus. Zwei Parteien schließen sich gleichberechtigt wie Brüder zusammen und verfolgen ein gemeinsames Interesse. Ein vorangegangener Konflikt ist keine Bedingung wie beim Bild der Aussöhnung oder Versöhnung.

Die Adjektive geschwisterlich und brüderlich sind einander ähnlich in der Bedeutung. Ihr gemeinsamer Nenner ist eine selbstverständliche Solidarität, ein Grundvertrauen, wie es unter Geschwistern anzunehmen ist: “Blut ist dicker als Wasser.”

So wie väterlich bedeutet, dass erfahrener Rat zur Verfügung steht, so vermittelt mütterlich, bemuttern das Bild der selbstlosen Mutter. Das Gegenteil aber davon ist stiefmütterlich. Die stiefmütterliche Behandlung bezieht sich auf das Bild der bösen Stiefmutter im Märchen, die dem fremden Spross nichts gönnt. Stiefmütterlich behandeln heißt ungenügend beachten, missachten, links liegen lassen.

Ein weiteres Wort, das einer Verwandtschaftsbeziehung entstammt, ist Vetternwirtschaft. Damit ist gemeint, dass politisch oder verbandsmäßig einander Verbundene, deren Loyalität man sicher ist, vorrangig versorgt werden. Dem Wort Vetternwirtschaft haftet das Bild des autokratischen Familienclans an, der seine Mitglieder auf Kosten der Allgemeinheit mit lukrativen Ämtern und Pfründen versorgt, eine Verflechtung und Verfilzung, wie sie derzeit bei den fallenden Diktatoren der Länder des Mahgreb offenkundig wird.

Gunhild Simon
Mrz 13 2011

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