Thumulla.com

Zusammenschreibung oder Getrenntschreibung – kennenlernen oder kennen lernen?

Es gibt keine andere feste Verbindung mit lernen, die ein vergleichbares Kompositum bildet wie kennenlernen.

Diese Singularität wurde offenbar zunächst als unlogische Ausnahmeerscheinung angesehen, so dass die Rechtschreibreform 1996 eine Angleichung an andere Verbindungen mit lernen vorsah. Als Parallele zu schreiben lernen, laufen lernen, schwimmen lernen sollte es fortan einfach getrennt geschrieben werden.

Was aber ist figürliche Bedeutung bei kennen?

Vergleichbar dem Erwerb einer Fähigkeit wie Laufen, Schwimmen, Kochen soll Kennen im Zusammenhang mit dem Verb lernen figürlich erfassbar und dann getrennt geschrieben werden. Nur bei übertragener Bedeutung wird die Zusammenschreibung angeraten. Diese Unterscheidung ist bei genauerer Betrachtung jedoch schwer nachzuvollziehen, denn kennen ist keine Fähigkeit, die man vergleichbar mit laufen erlernt, sondern es ist die Kennzeichnung eines Lernprozesses, und auch dessen Ergebnis.

Alle Fähigkeiten, die durch Verben ausgedrückt werden oder deren nähere Charakterisierung durch Verben erfolgt und die man durch Lernen erwirbt, haben eine intransitive Struktur. Sie benötigen kein Akkusativ-Objekt, um eine vollständige, gültige Aussage zu machen: Er lernt lesen. Hier wäre sogar eine substantivische Auffassung denkbar, die das Lesen als Akkusativobjekt verstünde: Er lernt das Lesen.

Kennen ist inhaltlich ein kognitiver Prozess. kennen benötigt strukturell eine obligatorische Ergänzung.

kennen hat zunächst einen kognitiven Inhalt, es ist – vergleichbar wissen – das Ergebnis einer Aneignung, also nicht der dazu führende Vorgang. Kennen nimmt noch eine weitere Bedeutung an, wenn von einer früheren Begegnung mit einem Menschen, einer Stadt, einem Land die Rede ist; gemeint ist dann Bekanntschaft.

Das Verb kennen hat eine eigene grammatische Struktur. Es eröffnet eine Leerstelle, die durch ein Akkusativobjekt zu füllen ist. Das Verb lernen hat seinerseits hier eine übertragene Bedeutung, denn Lernen ist ein durch Auseinandersetzung, Wiederholung und Übung gekennzeichneter Prozess. Diese Definition ist auf das Kennenlernen schwerlich übertragbar. Ein Satz mit den beiden Verben kennen und lernen verlangt daher ebenso ein Objekt, das Objekt des Sich-Anzueignenden. »Er lernt (...) kennen« ist im Gegensatz zu »Er lernt lesen« unvollständig, ja ungrammatisch, weil ein zwingendes – ein obliques – Objekt fehlt.

Aus diesem Grund ist der Einsatz von lernen als Beschreibung eines Aneignungsvorgangs gar nicht auf kennen anwendbar, denn mit Inhalten konkreter Lernprozesse wie denen von Schreiben, Lesen, Kochen hat Kennen nichts gemein. Deshalb ist das Wort kennenlernen als eine Idiomatisierung mit der Aussage Bekanntschaft machen zu verstehen, die so unterschiedliche Begriffe wie lernen und kennen verbindet. Dieser Besonderheit kann eine Getrenntschreibung kaum Rechnung tragen.

Gunhild Simon
08. Februar 2007

alle    deutsche Sprache    Gunhild Simon    Startseite(__index)



Thumulla.com    Startseite der Artikel    Links und Werbung    Diskussion    Suche auf dieser Seite