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Zusammenschreibung von eng zusammengehörigen Wörtern

Durch die Rechtschreibreform rückte eine Besonderheit der deutschen Sprache, die Bildung von Komposita, in den Blickpunkt. Damit verbindet sich nämlich die Frage, ob angesichts schwererer Lesbarkeit die Zusammenschreibung zueinander gehöriger Wörter in einem Wort noch zeitgemäß ist.

Es rührte zunächst daher eine Tendenz, dem englischen Beispiel folgend das Grundwort und seine nähere Bestimmung zu trennen, ungeachtet der damit verbundenen Bedeutungsverschiebungen. Zusammenschreibung bezeichnet eine innigere Verbindung der betreffenden Wörter. Deshalb ist sie gerade dort am Platz, wo ein neuer Begriff entsteht, der in seiner bloßen Nebeneinanderstellung nicht deutlich würde: Man vergleiche etwa feststellen = als zweifellos hinstellen gegenüber fest stellen = schwankungsfrei auf-/ein-/hinstellen.

Im Deutschen wird im allgemeinen die erste Silbe eines Wortes betont. Folglich zeigt sich die Zusammengehörigkeit bereits in der Betonung des ersten Gliedes, der näheren Bestimmung. Sie legt eine übertragene Bedeutung nahe und verändert so den Inhalt.

Zusammenschreibung von eng zusammengehörigen Wörtern

Wenden wir uns zur Verdeutlichung hier einer Gruppe von Komposita zu, die sich aus einem Partizip Präsens – z. B. stehend – als Grundwort und einem Adverb – z. B. allein – als nähere Bestimmung zusammensetzt. So drückt sich in dem Wort »alleinstehend« ein übertragener Inhalt aus, nämlich dass jemand keine Familie hat. Dagegen besagt »allein stehend«, dass jemand oder etwas figürlich außerhalb einer Gruppe, ohne fremde Hilfe steht oder nur das einzige noch stehende Individuum ist.

Folglich muss man der Frage der Getrennt- oder Zusammenschreibung folgende Überlegungen zugrundelegen:

1. Die Betonung, die in der Regel auf der näheren Bestimmung des Grundwortes liegt. Dadurch wird eine Verbindung nahegelegt.

2. Den Kontext, der sich durch die Abgrenzung des figürlichen und übertragenen Zusammenhangs erschließt.

3. Die klassifizierende Betrachtung. Diese scheint abstrakter als sie ist, kommt doch in ihr zum Ausdruck, wie man den näher bestimmenden Teil des Kompositums zu verstehen hat.

Da der letzte Punkt die beiden ersten übergreift, soll er gesondert erklärt werden: Klassifizierend – klassenbildend – meint, dass die nähere Bestimmung einen gedachten Gegenpol einschließt, von dem sie sich abgrenzt.

Beispiele:

Der Verkehr ist zähfließend. (übertragen: stockend) – Das zäh fließende Öl erscheint weniger empfehlenswert als ein leicht fließendes. (figürlich: dick- oder dünnflüssig)

Die alte Frau ist alleinstehend (übertragen: ohne Anhang). – Dieser allein stehende Pilz wurde nicht abgeschnitten, hingegen die in Gruppen wachsenden wurden geerntet (figürlich: Wachstumbedingungen betreffend).

Die wildwachsende Himbeere zeichnet sich durch ihr Aroma aus (übertragen: natürlich). – Auch Kulturhimbeeren haben gelegentlich wild wachsende Triebe (figürlich: Wildtriebe).

Dies alles funktioniert nur in Satzzusammenhängen wie den dargestellten, denn prädikativ ist nur ein aus einem Partizip Präsens entstandenes Adjektiv in einem grammatisch sinnvollen Satz gültig: Das Öl ist zähfließend. (Falsch: *Das Öl ist zäh fließend.* = Das Öl fließt zäh.)

Das Unterscheidungsmerkmal – übertragen oder figürlich – lässt sich bei vergleichbaren Zusammensetzungen wie feststehend, weitgehend, langanhaltend, vielversprechend, andersdenkend, freischwebend, wildwachsend, freilebend, falschblickend, schöntuend, zähfließend entsprechend herausarbeiten. Es behält auch seine Gültigkeit, wenn man es auf andere Kompositagebilde anwendet.

Komposita haben in ihrer Form eine Bedeutung, der eine Getrenntschreibung kaum Rechnung tragen würde. Deshalb sollte man genau überlegen, ob man tatsächlich im Fall getrennten Schreibens die figürliche, also klassifizierende Bedeutung ausdrücken will und ob die Aussageabsicht sich darin widerspiegelt.

Gunhild Simon
22.11.2010

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